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Quinten

Was genau ist denn bitte nun normal?

in Mystik/Quinten/Weisheit

Ich sitze in Quin­ten auf der Ter­rasse und beobachte die Natur um mich herum. Heute Nacht hat es endlich gereg­net und die Bäume und Sträuch­er nutzen dies, um in einen Wach­s­tumss­chub zu gehen. Die Feigen sind schon fast baum­nuss­gross und an den Reben spriessen bere­its die Blüten­stände. 

„Das ist doch nicht nor­mal!“ denke ich, „Das ist doch viel zu früh!“ und „Hof­fentlich kommt nicht noch Frost!“ sind die weit­eren Gedanken, die in mein Bewusst­sein treten.

Als näch­stes nimmt sich die Frage, die ich mir sel­ber und vie­len anderen ger­ade immer wieder stelle, laut und unüberse­hbar ihren Raum:

Was genau ist denn bitte nun nor­mal?


Wie im let­zten Blog­beitrag ver­sprochen, ver­webe ich die Fäden von Nichtwissen und Suf­fizienz in den kom­menden Wochen in meine Beiträge. Manch­mal wer­den diese dem Beitrag eine deut­liche Fär­bung geben, manch­mal wer­den sie als leise Musik im Hin­ter­grund einen Klangtep­pich leg­en.

Ich habe in der NZZ vom 19. April 2020 ein Inter­view mit der Virolo­gin Karin Mölling gele­sen. Die Über­schrift dieses Artikels lautet:

«Woher wis­sen denn allein Virolo­gen, was richtig ist? Wir wis­sen vieles nicht. Lei­der»

Es entspan­nt mich sehr, das Nichtwissen über­all um mich herum zu erleben. Dies scheint ein Wider­spruch in sich zu sein. Nichtwissen und Entspan­nung – ist dies über­haupt miteinan­der vere­in­bar?

Wollen wir nicht eigentlich alles wis­sen? Wollen wir nicht immer alles ver­ste­hen und anschliessend auch noch voll­ständig kon­trol­lieren? Wer denkt nicht sel­ber oft: „Ich muss dies oder jenes unbe­d­ingt ver­ste­hen, son­st bin ich nicht hand­lungs­fähig“. 

Die let­zten Wochen haben mich gelehrt, wie entspan­nend das Nichtwissen ist, wenn es benan­nt ist und wenn ich es als eine Art Naturge­setz für mein Leben akzep­tiere. Mir wird immer deut­lich­er, ich kann nur Wahrschein­lichkeit­en abschätzen und Hypothe­sen auf­stellen, für all das, was in meinem Leben und in der Welt in Zukun­ft passieren wird. Ein defin­i­tives Wis­sen habe ich nur über die Dinge, die in mein­er Ver­gan­gen­heit passiert sind. Aber auch hier gilt, dass wir unseren Erin­nerun­gen nicht immer glauben schenken kön­nen. 

Ein wichtiger Aspekt dessen, was von nun an für mich nor­mal sein wird, ist, dass ich in vie­len Bere­ichen meines Lebens den Fak­tor Nichtwissen mit­berück­sichti­gen muss, wenn ich die Zusam­men­hänge wirk­lich ver­ste­hen möchte.

Um beim Ein­gangs­beispiel des Feigen­baumes und des Weins zu bleiben, auch wenn es mir so vorkommt, in Wirk­lich­heit und Wahrheit habe ich keine Ahnung, ob sie nun zu früh in Blatt und Blüte ste­hen. Sie haben ein­fach auf das reagiert, was die äusseren Bedin­gun­gen ihnen anbi­eten. Im Herb­st wis­sen wir mehr.

Auch die Philoso­phie, welche hin­ter dem Begriff Suf­fizienz und hin­ter der Suf­fizien­zpoli­tik ste­ht, scheint mir sehr hil­fre­ich zu sein, um eine ganz eigene „neue Nor­mal­ität“ zu find­en und zu erforschen. Die Fra­gen „Was ist genug?“ und „Was sind meine Grundbedürfnisse?“ sind dazu zwei wun­der­bare Leit­planken.

Übri­gens, der im let­zten Blog­beitrag erwäh­nte Satz auf den Anzeigen der SBB Tafeln hat inzwis­chen einen neuen Wort­laut. Neu lautet der Text nun: «Der Verkehr wurde auf ein Grun­dan­ge­bot reduziert“. Vorher lautete der Text: „Der Verkehr wird schrit­tweise auf ein Grun­dan­ge­bot reduziert “. In diesem Bere­ich kann jede und jed­er in der Schweiz ger­ade prüfen, wie gut er und sie mit dem, was die SBB als Grundbe­darf definiert hat, leben kann.

Für mich bedeutet diese aktuelle Anpas­sung auf meinen zwei wichtig­sten Streck­en ganz Unter­schiedlich­es. Auf der einen Strecke wird mir ein 30-minütiger Spazier­gang durch den Wald ermöglicht, denn die Hal­testelle, welche ich bish­er benutzt haben, gilt als touris­tis­che Erschlies­sung und wird derzeit nicht bedi­ent.

Für die zweite Strecke muss ich nun unter­wegs 30 Minuten Zwis­chenaufen­thalt einkalkulieren, da der bish­erige Anschlusszug nun sehr knapp, laut Fahrplan gar nicht erre­ich­bar ist.

Im Aus­tausch dafür kann ich in angenehm leeren Zügen reisen und habe über­raschen­der­weise wieder mehr Kon­takt und Gespräche mit Mitreisenden – natür­lich unter Wahrung des notwendi­gen Abstandes.

Und was ver­liere ich? Manch ein­er oder eine würde nun sagen, dass ich 30 Minuten ver­liere. 

Bei der ersten Strecke ist dies mit Sicher­heit nicht der Fall, denn der Weg nach Hause durch den Wald ist derzeit bei diesem Wet­ter und in dieser Jahreszeit ein Gewinn, ein Geschenk. Und wenn es dann irgend­wann wieder reg­net oder gar stürmt? Wer weiss, ob dann der Fahrplan immer noch der gle­iche ist. Die SBB schreibt auf ihrer Web­seite: „Nach der Ankündi­gung des Bun­desrates zur Lockerung der Coro­na-Mass­nah­men wird ab dem 27. April auch der Bahn­be­trieb schrit­tweise zurück zum reg­ulären Fahrplan geführt.“ Also geniesse ich es, solange es anders nicht möglich ist, um dann in fern­er Zukun­ft nur noch bei wirk­lich schlechtem Wet­ter oder Dunkel­heit bis zur woh­nungsna­hen Sta­tion weit­er zu fahren, denn wer hin­dert mich daran, die lieb gewonnene Ange­wohn­heit eines 30-minüti­gen Spazier­gangs auch nach Wiedere­in­führung des reg­ulären Fahrplans beizube­hal­ten? Das einzige, was mich stop­pen kön­nte, wäre meine ganz per­sön­liche Bequem­lichkeit oder dann meine Unacht­samkeit, wenn ich es ver­passe, eine Hal­testelle vor der End­sta­tion auszusteigen.

Zumin­d­est bei der zweit­en Strecke stimmt es auf den ersten Blick, dass ich Zeit ver­liere. Nun ja, ich brauche eine halbe Stunde länger, aber die Zeit ist ja nicht ver­loren.

Es ist ein offenes Geheim­nis: Zeit kön­nen wir gar nicht ver­lieren.  Wir haben an jedem Tag gle­ichviel Zeit: 24 Stun­den = 1‘440 Minuten = 86‘400 Sekun­den. Diese 86‘400 Sekun­den sind während unseres gesamten Lebens täglich aufs Neue da. Ein Ver­lieren ist nicht möglich. 

Das, was passieren kann und auch sehr regelmäs­sig passiert, ist, dass wir Zeit mit etwas ver­brin­gen, was wir in dem Moment gar nicht tun soll­ten oder woll­ten. Wir lassen uns ablenken, wir tun etwas, wozu wir eigentlich gar keine Lust haben. Dafür kön­nen wir nie­mand anderem die Schuld geben. Es ist unsere ure­igene Entschei­dung, was wir in jed­er einzel­nen Sekunde tun. Nie­mand zwingt uns zu irgend­was. Wir sel­ber entschei­den. Es gehören zu jedem Tag auch Dinge, die wir vielle­icht nicht so gerne tun. Diese Dinge ken­nt jed­er und jede von uns. Und doch entschei­den wir uns aus den unter­schiedlich­sten Grün­den sie zu tun.

Zum Beispiel entschei­den wir uns, die Zim­mer zu putzen oder den Müll hin­auszubrin­gen, weil wir gerne in ein­er sauberen Woh­nung wohnen. Wir gehen ins Büro, in die Werk­statt oder ins Ate­lier, weil wir uns dazu entsch­ieden haben, eine bes­timmte Tätigkeit zu ver­richt­en. In all diesen Fällen kön­nten wir uns auch anders entschei­den. Wir müssen ein­fach nur mit den Kon­se­quen­zen der Entschei­dun­gen leben, unseren Lebensstil anpassen oder unsere Leben­sträume hin­ter­fra­gen. Dies ist zugegeben­er­massen nicht immer ganz ein­fach, und doch ist es möglich und auch mach­bar.

Nun, da ich weiss, dass ich eine halbe Stunde Zeit auf einem Bahn­hof mit­ten im Nir­gend­wo ein­pla­nen muss, darf ich mir die Frage stellen: „Wie möchte ich diese Zeit ver­brin­gen?“ Denn diese Zeit ist nicht ver­loren, son­dern sie möchte gestal­tet wer­den. Meine Kreativ­ität ist gefragt. Manch­mal nutzte ich diese gewonnene halbe Stunde zum Lesen, manch­mal nutze ich die Zeit, um Ideen für meinen Blog zu entwick­eln und manch­mal beobachte ich ein­fach, wie der Fluss fliesst.

In diesem Zusam­men­hang noch zwei Dinge:  Zum einen rechne ich sel­ber für mich nicht in Sekun­den und wenn ich meinen Tag frei gestal­ten kann, rechne ich noch nicht ein­mal in Stun­den. Ich folge dem Fluss der Dinge, die ich tun mag und die ger­ade zu tun sind. Und irgend­wie sind am Abend in der Regel all die wirk­lich wichti­gen Dinge erledigt. Da ger­ade im Aussen so viele Dinge weg­fall­en, mit welchen ich mich noch vor einiger Zeit beschäftigt habe, geschieht dies noch viel häu­figer als son­st. Dies ist ein weit­eres wun­der­bares Geschenk.

Und zum anderen, und auch hier ver­rate ich kein Geheim­nis: Zeit kön­nen wir nicht auf­s­paren. Alles, was auf meinem per­sön­lichen Zeitkon­to für heute zur Ver­fü­gung ste­ht, kann ich nur heute abbuchen.

Wenn ich mir etwas für unsere neue Nor­mal­ität wün­schen darf, ist es, dass wir uns des Geschenks der Zeit bewusst­wer­den, und uns deren Vergänglichkeit bewusst vor Augen führen.

Was wäre, wenn wir alle den Zeit­punkt unseres Todes ken­nen wür­den? Der bel­gis­che Film «Das brand­neue Tes­ta­ment» aus dem Jahr 2015 nimmt diese Idee auf. Vor ein paar Tagen habe ich ihn mal wieder angeschaut. Eine span­nen­des Gedanken­ex­per­i­ment, welch­es uns auf nach­den­klich-komis­che Weise mit unser­er Endlichkeit kon­fron­tiert. Welche der Dinge, die uns noch zu Beginn dieses Jahres als nor­mal erschienen, wür­den wir weit­er­ma­chen? Welche sofort been­den?

Die let­zten Wochen haben vie­len von uns deut­lich gemacht, dass ein entschle­u­nigter Lebensstil Raum zum Nach­denken lässt, darüber was wir wirk­lich brauchen und was der Natur und unser­er Umwelt gut­tut. 

Wir haben die Frei­heit, aus den ver­gan­genen Wochen zu ler­nen. Das Ler­nen wird für jede und jeden von uns ein unter­schiedlich­es sein. Und das ist auch wichtig und gut. Das einzige, was uns vom Ler­nen abhal­ten kann, sind wir sel­ber.

Damit bin ich nun wieder am Anfang des Blo­gein­trags angekom­men. Ich bin zurück zu der Frage: 

Was genau ist denn bitte nun nor­mal?


Nor­mal ist wohl jedes Mal etwas anderes. Es ist das, was am besten zur Sit­u­a­tion passt, in welch­er ich mich ger­ade befinde. Die Natur macht es vor. Die äusseren Umstände, ins­beson­dere die aktuelle Wärme lässt sie früher ins Wach­s­tum gehen, als ich es ver­mutet hätte. Ob dies richtig oder falsch war, wis­sen wir noch nicht. Erst wenn wir im Jahreskreis weit­er sind, wer­den wir wis­sen, ob es nochmals kalt gewor­den ist, ob die zarten Sprossen den Früh­ling, in dem wir uns jet­zt ger­ade befind­en, über­standen haben. 


«Erst wenn wir im Jahreskreis weit­er sind, wer­den wir wis­sen…», dieser Satz lässt sich auch auf die Verän­derun­gen durch die Coro­n­akrise anwen­den: Ob die pos­i­tiv­en Auswirkun­gen auf Natur und Kli­ma und zum Teil auch auf unseren Lebensstil sich weit­er fes­ti­gen lassen, wer­den wir erst mit einem gewis­sen Abstand fest­stellen.

Im Gegen­satz zu den Abläufen in der Natur haben wir hier aber die Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu bee­in­flussen und eine neue, lebenswerte und ver­ant­wor­tungsvolle Nor­mal­ität zu erschaf­fen.

Jeder Abschluss ist gleichzeitig ein Beginn

in Achtsamkeit/Alternative/Fasten/Quinten

Am Oster­son­ntag um 10 Uhr haben am Walensee in allen Dör­fern die Kirchen­glock­en geläutet. Die weni­gen Schiffe auf dem See standen über­wiegend still und schienen, genau wie ich, ein­fach für 15 Minuten innezuhal­ten und zu lauschen. Still­stand. 

Diese 15 Minuten hat­ten für mich etwas Heiliges. Ein gross­es Geschenk und irgend­wie habe ich das Gefühl gehabt, es fühlt sich an wie ein Ver­sprechen. Ein Ver­sprechen von mir an mich sel­ber. Und der Abschluss dieser Fas­ten­zeit.

Ostern hat in den unter­schiedlich­sten Kul­turen die unter­schiedlich­sten Bedeu­tun­gen. Die Essenz dieses Festes ist für mich das Wis­sen um den Neube­ginn. Ob nun aus der christlichen Tra­di­tion her­aus oder aus ein­er anderen betra­chtet, immer geht es um den Neube­ginn. Um die Möglichkeit nach ein­er Phase, die her­aus­fordernd war, zu wach­sen. In der christlichen Tra­di­tion feiern wir die Aufer­ste­hung. Im Jahreskreis ist es die Rück­kehr des Früh­lings, des Wach­s­tums, der zur Fülle führt.

Der Abschluss dieser Fas­ten­zeit 2020 ist für mich etwas beson­deres. Da sich im Leben jedes einzel­nen Men­schen, den ich kenne, in den let­zten 40 Tagen so viel verän­dert hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass es für mich ein Zurück in die alten, nicht immer förder­lichen Ver­hal­tensweisen geben kann. Diese Fas­ten­zeit war so ein­drück­lich, auf so vie­len Ebe­nen ein­schnei­dend, da kann es für mich gar kein Zurück zum Nor­malzu­s­tand geben. Mal abge­se­hen davon, dass ich wed­er das Leben, welch­es wir als Gesellschaft in den let­zten Jahren geführt haben, für nor­mal halte noch, dass ich wirk­lich dor­thin zurück möchte. In meinem Umfeld höre ich keine Stim­men, die sagen: „Ich will dahin zurück, woher ich komme“. Vielmehr höre ich von den unter­schiedlich­sten Seit­en: „Nun habe ich wieder Zeit für die Dinge und Men­schen, die mir wirk­lich wichtig sind.“ Und viele bemerken auch, wie gut es tut, innezuhal­ten und sich auf das Wesentliche zu besin­nen. 

Viele sehen sich in ihrem pri­vat­en Umfeld mit grossen Her­aus­forderun­gen kon­fron­tiert, seien es kranke Fam­i­lien­ange­hörige oder Fre­unde, sei es die Ungewis­sheit, wie sich das Leben weit­er­en­twick­eln wird. Ich erlebe viel Unter­stützung und Kreativ­ität, erlebe, wie Men­schen wieder begin­nen einan­der zu fra­gen, was sie ger­ade brauchen. Ich beobachte, wie wir zurück­ge­wor­fen wer­den auf unsere unmit­tel­bare Gegen­wart, auf das, was direkt um uns herum geschieht. Viele kochen wieder mehr. Sie back­en ihr Brot wieder sel­ber. Statt zum Super­markt gehen sie zum Bio-Bauern. Sie denken und han­deln wieder lokal und region­al. Viele acht­en wieder mehr auf die Gesund­heit.

Mein­rad hat in der Kar­woche zu ver­schiede­nen The­men in seinen Beiträ­gen Stel­lung genom­men. Dies nehme ich zum Anlass diese The­men auch nochmals für mich zu reflek­tieren, um damit diese inten­sive, uner­wartet ver­laufende und doch auf so ganz ver­schiede­nen Ebe­nen nährende Fas­ten­zeit sowie mein Schreiben im Kon­text von „Fas­ten-Nach­haltig 2020“ abzuschliessen.

Wie schon gesagt, werde ich auf meinem Blog See­len­BilderGeschicht­en weit­er­schreiben, jedoch das The­ma Geld und Fas­ten als roten Faden fall­en lassen und mich mehr dem The­ma, des Nichtwissens, dass ich hier kurz behan­delt habe, wid­men. Wie kann die Chance zum Umdenken, für den Beginn ein­er neuen ver­ant­wor­tungsvollen Art zu leben, genützt wer­den? Was bringt die aktuelle Entwick­lung, was brin­gen die Mass­nah­men rund um Coro­na mit sich, diesen Fra­gen möchte ich in Zukun­ft ver­tieft nachge­hen. 

Auf den Anzeigetafeln der SBB war in den let­zten Tagen immer wieder zu lesen: „Wir passen unser Ange­bot der Grund­ver­sorgung an“. Jedes Mal, wenn ich diesen Satz sehe halte ich inne. Wie oft in den let­zten Jahren habe ich mir gewün­scht, dass die Suf­fizienz ihren angemesse­nen Ort in unserem Leben bekommt. Wir haben längst mehr als genug, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Nur lei­der ist all das, was es dazu braucht, an vie­len Stellen ungerecht verteilt. Ein paar wenige haben von allem viel zu viel, einige haben genug und viele, viele andere haben viel zu wenig. Eine Welt, in der für uns alle, wirk­lich alle, die Grund­ver­sorgung gesichert ist, das ist etwas, wofür ich schon seit Jahren wirke und webe. Dieses Ziel erscheint nun ganz plöt­zlich viel real­is­tis­ch­er und mach­bar­er als noch vor weni­gen Wochen.

Mit Beginn dieser Fas­ten­zeit, begann auch die Phase, in der die Mass­nah­men rund um Coro­na unser aller Leben bes­tim­men. Wir verzichteten auf vieles, was wir bish­er für selb­stver­ständlich gehal­ten haben. Viele Dinge in meinem Leben habe ich weit über meine Grundbedürfnisse hin­aus genutzt. Nur in der Fas­ten­zeit, wenn ich bewusst Verzicht übe, bemerke ich, dass ich mir von vielem unacht­sam mehr nehme, als ich wirk­lich brauche. Lei­der wird mir nur in dieser Phase des  Fas­tens richtig bewusst, wie sehr auch ich, die sich sel­ber für recht nach­haltig und ver­ant­wor­tungsvoll hält, über meine Ver­hält­nisse lebe, was zu Las­ten ander­er geht.

Indem ich nun die Brücke zu jenen Beiträ­gen, welche Mein­rad in dieser Woche ver­fasst hat, schlage, schliesse ich diese Fas­ten­zeit für mich ab.

Palm­son­ntag – das Leben ist hart

In seinem Beitrag „das Leben ist hart“ spricht Mein­rad davon, dass wir das Lei­den brauchen, um zu ler­nen. Die schwieri­gen Phasen im Leben sind jene, die uns wach­sen lassen. Am 5. April, dem Erstel­lungs­da­tums dieses Beitrags, begann die Kar­woche, welche in der christlichen Tra­di­tion dem Lei­densweg Christi gewid­met ist, eine Woche, die sich wie keine andere im Kirchen­jahr mit dem Lei­den beschäftigt. 

Schon mehrfach habe ich in Blog­beiträ­gen meine Vor­liebe für ver­meintlich alt­modis­che, zum Teil aus unserem täglichen Wortschatz ver­schwun­dene Begriffe gezeigt. Beim Lei­den fällt mir immer wieder das Wort Hingabe ein. Im Englis­chen gibt es den Begriff „Sur­ren­der“, der aus mein­er Sicht noch passender ist. Ich stelle mirin solchen Momenten vor, wie ich mich der Sit­u­a­tion hingebe statt zu lei­den, mit ihr fliesse, so wie das Wass­er im Bach sich seinen Weg sucht. Ich hadere nicht mit der Sit­u­a­tion, ich schaue, was sie mich lehren will. Für mich ist das Leben wed­er hart noch weich. Ich kann es mir schw­er oder ein­fach machen, durch die Art, in welch­er ich mit bes­timmten Sit­u­a­tio­nen umge­he. Manch­mal ist ein­fach­es Ler­nen ange­sagt, manch­mal braucht es die Her­aus­forderung. In diesem Sinne ist das Lei­den für mich eine wichtige Kom­po­nente mein­er Weit­er­en­twick­lung.

Ein­stieg in die Kar­woche — „Ich bin nicht so wichtig“

„Ich bin nicht so wichtig“ ist Mein­rads zweit­er Beitrag dieser Kar­woche. Schon bevor ich ihn lese, denke ich: welch weise Worte. Wichtig ist aus mein­er Sicht, zu wis­sen, wer ich bin, zu wis­sen, was meine Bedürfnisse sind. Und diese Bedürfnisse dür­fen wichtig genom­men wer­den. Vor allen Din­gen sollen wir sie aber in den Kon­text der Bedürfnisse aller anderen Wesen und der Natur set­zen. Wenn wir alle gle­ich wichtig sind, entste­ht Bal­ance, entste­ht die Magie des guten Lebens.

Grün­don­ner­stag – Mein Leben dreht sich nicht um mich

Wir, und damit auch unsere Blog­beiträge, näh­ern uns Ostern, dem Ende und dem Anfang. Ein leicht­es Bedauern schwingt mit in diesem Wis­sen, dass diese gemein­same Fas­ten­reise nun bald zu Ende ist. So wie Mein­rad die Erzäh­lung der Fuss­waschung bewegt, so hat sie auch mir immer wieder Impulse gegeben und mich an meinen Grun­dauf­trag im Leben, von und mit dem ganzen Herzen zu dienen, erin­nert. Mein­er Mei­n­ung nach dreht sich unser Leben ums Dienen. Wieder ein altertüm­lich­es Wort, eine alt­modis­che Tugend, ein alter Wert, aber noch immer vor allem eine wun­der­schöne Geste. Dem Leben zu dienen heisst zu wis­sen, dass alles miteinan­der ver­bun­den ist. Nie­mand von uns ist bess­er oder schlechter. Keine ist höher gestellt oder von niederem Rang. Wir sind alle gle­ich. Und drehen uns im besten Fall im Tanz namens Leben rhyth­misch miteinan­der und umeinan­der.

Kar­fre­itag – ich werde ster­ben

Vor der Aufer­ste­hung ste­ht natür­lich noch der Tod, das Ster­ben.

Mir scheint, wir haben den Tod aus dem Leben ver­ban­nt. Im Jahr 2017 habe ich einen guten Fre­und, unge­fähr gle­ichalt wie ich, durch die Krankheit in den Tod begleit­en dür­fen. Es fühlt sich immer noch an, als wäre er viel zu früh gestor­ben. Es bleibt die Frage des «Warum er?» und «Warum jet­zt?». Gle­ichzeit­ig war es für uns alle, die wir an diesem Prozess Teil hat­ten, die Möglichkeit, den Tod und das Ster­ben zu the­ma­tisieren, zu benen­nen, die Möglichkeit, uns unsere eige­nen Äng­ste und unsere Beziehung zum Tod anzuschauen. Im Tod liegt auch Heilung. So war es zumin­d­est für mich. 

Mein­rad schreibt in diesem Beitrag über die Fol­gen, die unsere Todesvergessen­heit für die aktuelle Gesellschaft hat. Ich gehe sog­ar noch einen Schritt weit­er. Mein Gefühl ist, dass wir den Tod aus dem Leben ver­drän­gen woll­ten. Das geht nicht – er gehört zu uns! Und dies seit unser­er Geburt. 

Coro­na hat den Tod zurück ins Leben gebracht. In das der einzel­nen Men­schen, die direkt betrof­fen sind, schmerzhaft und lei­d­voll. Aber auch für jene, die keine per­sön­lichen Krankheits­fälle in ihrem Umfeld miter­leben müssen, ist der Tod wieder präsent. Wir erin­nern uns an unsere eigene Sterblichkeit und an die Ver­let­zlichkeit.

Wer ein wenig mehr Zeit mit dem Tod ver­brin­gen möchte, dem seien als Ein­stieg die «Fünf Phasen des Ster­bens» von Elis­a­beth Kübler-Ross ans Herz gelegt. Auch Ver­gle­iche mit der Coro­na-Krise sind in diesem Zusam­men­hang erlaubt.

Karsam­stag – ich habe nicht die Kon­trolle

Ja, ich glaube, eine der wichtig­sten Erken­nt­nisse im Leben ist genau dies: Wir müssen dem Leben ver­trauen, denn wir haben keine Kon­trolle. Dies wird uns in so vie­len Sit­u­a­tio­nen immer wieder aufgezeigt. «Und erstens kommt es anders und zweit­ens als man denkt» soll schon Wil­helm Busch gesagt haben. Was mir der Karsam­stag und diese gesamte Woche vor allen Din­gen zeigte, war, wie wichtig Ver­trauen in unserem Leben ist. Ver­trauen schenken, Ver­trauen geschenkt bekom­men, und natür­lich auch der acht­same Umgang mit diesem Geschenk. Kon­trolle aufgeben und Ver­trauen schenken scheinen mir zwei der Schlüs­selfähigkeit­en, die uns die Geschichte von Jesus und auch die Geschichte unseres eige­nen Lebens lehren.

Ostern – Leben ist mehr als Über­leben

Wir sind am Ende angekom­men, also wieder am Anfang. Wie ein­gangs gesagt, feiern wir mit Ostern das Wis­sen um den Neube­ginn. Der Kreis­lauf startet erneut. Es ist beruhi­gend zu wis­sen, dass wir immer wieder entschei­den kön­nen, neu zu begin­nen. Es ist beruhi­gend zu wis­sen, dass wir uns immer wieder für das Leben entschei­den kön­nen. 

Ostern 2020 mit all den uner­warteten Ein­schränkun­gen und Impulsen, unser Leben zu hin­ter­fra­gen, gibt uns die Möglichkeit darüber nachzu­denken, was Leben für uns bedeutet. Es gibt uns die Möglichkeit, darüber nachzu­denken, was für uns ganz per­sön­lich der Unter­schied zwis­chen Leben und Über­leben sein mag.

Ich wün­sche uns allen ein Leben in Verbindung mit allem und allen. Ein Leben in welchem wir die Bedürfnisse der Natur und ander­er Men­schen genau­so wichtig nehmen und respek­tieren, wie unsere eige­nen.

Ein Leben, das mehr ist als nur zu über­leben.

Diese Fas­ten­zeit, die ich hier­mit beende, hat mir uner­wartet viel geschenkt und mich durch eine viel inten­si­vere Zeit des Verzichts geschickt, als ich erwartet habe. 

Ich bin zurück auf meine Grundbedürfnisse gewor­fen und bemerke, wie gut es mir tut, all den Bal­last hin­ter mir zu lassen. Ich freue mich auf die Phase, die nun begin­nt, auch wenn ich jet­zt noch keine Ahnung habe, was da alles auf uns zukommt. 

Danke an alle, die mich durch diese Wochen begleit­et haben und im Voraus her­zlichen Dank an alle, die nun die Zukun­ft, welche uns erwartet, aus der Gegen­wart her­aus, acht­sam, respek­tvoll, liebevoll und freud­voll gestal­ten.

Dieser Artikel ist mein let­zter Beitrag im Kon­text unser­er Fas­ten­woche 2020

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