Transformation

Im Fluss der Worte und Gedanken

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Beim Schreiben kann ich mich verlieren. So wie ich mich im Gespräch mit Freunden am Feuer oder beim Tee und auch beim gemeinsamen Kochen regelmässig in den unterschiedlichen Themensträngen und Situationen verliere. Wir folgen gemeinsam in unseren Gesprächen diesem Gedanken, jenem Impuls oder einem Gefühl und landen an ganz anderen Stellen, als wir zu Anfang erwartet haben.

Im Gespräch weben wir einen gemeinsamen Teppich aus Gedanken und Gefühlen. Wir gehen miteinander in Beziehung. Wir zeigen uns. Wir tauschen uns aus. Wir lernen uns kennen. Wir lernen. voneinander und miteinander.

Schreiben ist für mich etwas, um die Zeit zwischen den Gesprächen und Begegnungen zu überbrücken. Ich versuche meine Gedanken und Gefühle in einem Text zu erfassen, um jenen, mit denen ich gemeinsam auf dieser Reise des Lernens, des Lebens bin, mit Worten mitzuteilen, was mich bewegt. Das ist schwierig. Zum einen droht beim Schreiben ständig die Gefahr, missverstanden zu werden. Zum anderen besteht Kommunikation nicht nur aus Worten. Es gehört so viel mehr dazu. 

In meinem Schreiben schwingt immer der Wunsch mit, dass auch der Faden meiner Worte, die Fäden der damit verknüpften Gedanken, an irgendeiner anderen Stelle weiterverwoben werden. Ich muss gar nicht wissen, wie und wo. Was nützt es mir zu wissen, was da gerade an einem anderen Platz auf der Welt mit meinen Impulsen geschieht? Sie dürfen sich weiterentwickeln, vielleicht müssen sie dies sogar. Vielleicht ist das Weiterentwickeln durch andere der eigentliche Sinn und Zweck davon, Gedanken in Worten festzuhalten. Denn ich habe ja mit meinen Gedanken, Gefühlen und Beobachtungen nur ein ganz kleines Puzzlestück der Wahrheit in meiner Hand. Wer weiss schon, wo genau dieses Puzzlestück hingehört, an welcher Stelle es hilft, ein Bild entstehen zu lassen, etwas sichtbar werden zu lassen, miteinander in Beziehung zu gehen. 

Mit dem Schreiben gebe ich meine Wahrnehmung der Wahrheit in die Welt. Wenn wir alle unsere Sichtweisen, unsere individuellen Wahrheiten miteinander verknüpfen, entsteht Weisheit. So stelle ich mir das auf jeden Fall vor. Weisheit ist etwas, was nicht alleine entsteht. Keine einzelne Person kann, ohne in Resonanz mit anderen Menschen und auch der Natur zu sein, Weisheit kreieren. Weisheit ist ein Produkt zwischenmenschlicher Resonanz. Sie entsteht im Austausch miteinander. Vielleicht ist es sogar so, dass Weisheit etwas ist, dass wir nur in Beziehung mit anderen aushandeln können. 

Wie gesagt, beim Schreiben kann ich mich verlieren. Und doch ist es kein wirkliches Verlieren. Ich biege ab, folge einem Nebenpfad. Ich erforsche einen neuen Weg, den ich noch nicht kenne und irgendwann kehre ich wieder zurück auf den Hauptweg. Unterwegs habe ich neue Sichtweisen, neuen Gedanken und neue Welten entdeckt.

So stelle ich mir gutes Lernen vor. So stelle ich mir das Entstehen von Weisheit vor. Weisheit, welche in der aktuellen Zeit so wichtig ist, um die Welt achtsam und verantwortungsvoll zu gestalten.

Lernen bedeutet für mich, immer wieder die Nebenwege, neue Wege zu erforschen, zu erfühlen, um dann doch immer wieder auf den Pfad zurückzukommen, welcher zum Ziel führt, das ich mir irgendwann einmal bewusst oder unbewusst für dieses Leben gesetzt habe. Ein Ziel, welches wir alle auf ganz unterschiedliche Art und Weise anstreben: Ein gutes Leben zu führen. Nur was genau ist gutes Leben?

Viele Erwachsene haben das Gefühl, dass das Lernen beendet ist, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben. Viele begeben sich in einen Job und denken, nun sind sie fertig mit Lernen. Dabei sollte unser Lernen doch lebenslang andauern und nicht mit dem Ende irgendeiner Schule aufhören.

Im Leben geht es ums Erfahren und ums Lernen. Ich selber habe verschiedene Ausbildungen absolviert und diverse Hochschulabschlüsse erworben. Ich habe Jobs angenommen und war der Meinung: Jetzt kann und weiss ich alles. Ich dachte, ich bin auf dem richtigen Weg, weiss ich aber, dass dies Nebenwege waren, die mir ermöglichten, Wissen und Erfahrung zu sammeln. Der eigentliche Unterricht geschieht im Alltag, das eigentliche Lernen ist niemals zu Ende.

In den sozialen Medien sind Memes, eine Kombination von Bild und Text, sehr verbreitet. Manche verwenden Sprüche, die ich schon früher in Ausbildungen gelernt und vor langer Zeit in Büchern gelesen habe. Auf einen dieser Sprüche bin ich gerade heute wieder gestossen. Woher er genau kommt und was die Quelle ist, weiss ich nicht. Mich berührt er, wann immer er mir über den Weg läuft. Dieser Spruch lautet so:

Bedeutendes spirituelles Wachstum findet nicht statt, wenn du am Meditieren oder auf deiner Yogamatte bist. Es findet statt, wenn du dich in der Mitte eines Konfliktes wiederfindest. Es findet in dem Moment statt, wo du wütend, ängstlich, traurig oder frustriert bist, in deine alten Muster fällst und das tust, was du schon immer getan hat. 
In dem Moment, in dem du realisierst, dass du nicht genau so handeln musst, wie du immer gehandelt hast, in dem Moment in dem dir auffällt, dass du auch anders handeln kannst, als du es bis jetzt getan hast, in dem Moment tritt das Wachstum ein.

Manche nennen diese Momente Erleuchtung. Ich beschreibe es für mich so, dass ich in diesem Moment einfach von einem Nebenpfad wieder zurück auf meinen Weg komme und durch mein Lernen, meine vermeintlichen Umwege, nun zusätzliche Handlungsweisen gelernt habe und anwenden kann.

Das Umfeld, in welches wir hineingeboren wurden, bestimmt die Vorstellung vom guten Leben. Für sehr viele, und dies vergessen wir immer wieder, ist das Ziel einfach nur etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, sicher zu sein. Andere treibt die Vorstellung vom Bewahren oder auch Erweitern des eigenen Besitzes an. Und für manche ist es der Kampf für Klima und Umwelt, für den es sich einzusetzen lohnt. Jede und jeder von uns hat ein kleines Puzzlestück der grossen Wahrheit. Jede und jeder von uns hat hierzu eine eigene Sichtweise.

Was wäre, wenn wir uns alle bewusst wären, dass niemand die Wahrheit alleine besitzt und wir uns auf die Suche und auf den Weg begeben müssen, um diese Wahrheiten zu einer Weisheit zusammenzufügen?

Vielleicht würden wir eine neue Form von Schule und Unterricht erfinden. Eine Form, in der wir unser tägliches Leben als die Lektionen ansehen können. Eine Form, in welcher wir gleichzeitig Lernende und Lehrende sind.

Das ist zu kompliziert, das wird nicht funktionieren, sagen mir viele. Es ist vielleicht komplex, aber nicht wirklich kompliziert. Die Herausforderung liegt darin, dass wir bewusst unsere Zeit damit verbringen, das Leben zu erfahren und zu begreifen, das Leben zu erspüren und zu erfassen. Wir müssen uns dazu entscheiden, miteinander zu lernen und zu forschen.

Wie eingangs gesagt, beim Schreiben verliere ich mich manchmal. 

Heute habe ich mich in meinen Gedanken zu einem Leben als Schule verloren. In dieser Schule gibt es Raum für Kunst und gemeinsames Musizieren, es gibt Fächer zur Alltagsgestaltung und gesunden Lebensführung. Es gibt all das, was wir gerade brauchen, um das im letzten Blogbeitrag erwähnte «neue Normal» zu gestalten und zu erfassen. Wie diese Fächer alle heissen? Keine Ahnung, denn ich kenne das neue Normal noch nicht und weiss deshalb auch nicht, welche Fächer es wirklich dazu braucht. Jeder und jede von uns kann ihr eigenes Wissen und die eigenen Gedanken und Gefühle und auch sein Nichtwissen in diese Form des Lernens einbringen.

Im Fach «gesunde Wirtschaft» würde ich wohl mit den Themenschwerpunkten «Heilsame Beziehungen zum Geld» und «Suffizienz als Lebenskunst» starten, einfach weil ich hier wahrscheinlich viel Wissen als Lehrerin einbringen kann, aber auch viel Nichtwissen als Schülerin habe. Ebenfalls spielt mit, dass mich diese beiden Themen einfach interessieren.

Mein Impuls ist, diesen doch etwas anderen Blogpost zu teilen und wer weiss, vielleicht gibt es ja noch andere, die gemeinsam an dieser Schule, die Elemente der Begegnung, mit Elementen der virtuellen Unterrichtswelt verknüpfen soll, mitzuweben.

Im nächsten Beitrag werde ich mich ausführlicher mit dem Thema «Suffizienz als Lebenskunst» beschäftigen und ich bin selber gespannt, wohin mich dieses Thema führen wird. Den Faden «Das Leben als Schule» lasse ich für den Moment los, und nehme ihn wieder auf, wenn er auf irgendeinem Wege zu mir zurückkommt.

Wie feiern wir in dieser Zeit das Wunder des Lebens und der Liebe?

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In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai wird in vielen Kulturen das Wunder des Lebens und der Liebe gefeiert. Beltane, der Sommeranfang im irischen Kalender, Walpurgisnacht oder auch Tanz in den Mai, diese Nacht hat unterschiedlichste Namen. Da sie in unserer Region in einen arbeitsfreien Tag, den 1. Mai, den Tag der Arbeit, übergeht, finden an vielen Orten lange und ausgiebige Feste statt. 

Nicht in diesem Jahr. Da Versammlungen mit über fünf Personen derzeit nicht erlaubt sind, brauchen wir eine andere Form, um die kommende Zeit zu begrüssen. Walpurgis, die am 30. April in unterschiedlichen Regionen geehrt wird, gilt übrigens als Schutzheilige gegen Pest, Husten und Tollwut. 

Mit der letzten Nacht im April beginnt in der Landwirtschaft die Zeit des Säens, des Wachsens, die Zeit der Fruchtbarkeit. Neben der Tradition des Feierns hat sich bis heute an vielen Orten das Aufstellen des Maibaums gehalten. 

Ob all die Geschichten um diese Rituale und Mythen wirklich wahr oder ob diese nur romantische Erfindungen sind, ist wiederum eine Frage, bei der ich gerne zugebe, dass ich es nicht weiss und auch nicht wissen muss. Es sind schöne Geschichten und Rituale, die ich gerne als Impulse aufnehme. Sie bestätigen und unterstreichen das, was wir in unseren Breitengraden in der Natur beobachten können. 

Hier am Walensee regnet es seit zwei Tagen und den Pflanzen kann man beim Wachsen zusehen. Die Bäume spriessen und das Leben beginnt wieder. Das ist es wohl, worauf uns  die Bräuche und Rituale hinweisen wollen, wenn wir vor lauter Geschäftigkeit vergessen, auf die Welt um uns herum zu achten. 

Vielleicht ist es ein Zufall, vielleicht auch nicht, dass nun nach dem Lockdown genau in dieser Zeit die Lockerungen beginnen, Wirtschaftsleben und eine Vielzahl von 1:1 Begegnungen werden wieder möglich. Auch hier: Ich muss nicht wissen, ob es Zufall ist oder nicht. Für mich ist wichtig, dass ich es wahrnehme, bemerke, was es mit mir macht und daraus meine Handlungen ableite. 

Mich ganz persönlich bestärkt es darin, mich auf die Aspekte der letzten Wochen zu fokussieren, die mir ein Lernen ermöglichten und die mir Hinweise darauf gaben, was verantwortungsvolles Leben und Wirtschaften bedeutet, was nun an weisem Handeln notwendig und was von mir erwartet wird.

Viele Unternehmen, die noch im Januar sehr zuversichtlich auf dieses Jahr geschaut und im sogenannten «business as usual» weiteres Wachstum geplant haben, wissen nun nicht, ob sie dieses Jahr finanziell überleben werden. Viele Menschen, die noch im Januar dachten, sie hätten einen sicheren Job, sind nun mit Arbeitslosigkeit konfrontiert.

Hinter all diesen Schicksalen stehen Menschen. Wenn ich mich in diese hineinversetze, werde ich traurig, denn ich weiss, dass ihnen eine Zeit bevorsteht, in der vieles nicht einfach sein wird. Ängste und Fragen werden aufkommen, zum Teil ganz praktischer Natur, wie zum Beispiel die Frage danach, wie die Miete, das Essen und die Ausbildung der Kinder weiter sichergestellt werden können. Hierfür braucht es Lösungen und hier sind wir alle gefragt. Es geht nicht nur um die Konsumenten, die Arbeitnehmenden, die Arbeitgebenden, die Lehrpersonen und Lernende, auch nicht um die Politiker, die wir gerne aufrufen, unsere Probleme zu lösen. Kein einzelnes dieser Segmente auch die Klimaschützer und die Multimillionäre nicht, auch keine der Gruppen, die ich noch gar nicht genannt habe, keine ist alleine verantwortlich oder kann das Problem alleine lösen.

Wir alle, jede und jeder von uns, sind auf gewisse Weise Teil des Problems und Teil der Lösung. Das Schicksal der Restaurantbesitzerin oder des Geschäftsinhabers, die mit guter Absicht bis vor kurzem Dinge verkauften, die wir eigentlich nicht brauchten und doch gerne besitzen wollten, geht uns alle etwas an. Auch für jene Menschen, deren Job davon abhing, dass wir reisen, shoppen und all die anderen Dinge tun, welche diese Wirtschaft am Laufen gehalten haben, tragen wir eine Mitverantwortung.

Wir haben diese aktuelle Gesellschaft auf dem Funktionieren einer Wachstumsmaschinerie aufgebaut, die nur weiterlaufen kann, wenn wir ständig mehr und mehr produzieren und konsumieren.

Mit Beginn der Fastenzeit Ende Februar wurde die Wachstumsmaschinerie gestoppt. Vollständig. Die scheinbar logische Konsequenz wäre nun, dass wir nach der Aufhebung des Lockdowns wieder damit weiter machen, worin wir im Februar unsanft unterbrochen worden sind. Doch dann würden wir all das, was nun sichtbar geworden ist, ignorieren. Wir würden ausser Acht lassen, dass ein Leben mit weniger Konsum genauso möglich ist und beiseiteschieben, dass es völlig ausreichend ist, wenn vom Flughafen Zürich nur 28 Flugzeuge in der Woche in die Luft steigen und unsere Umwelt belasten. Wir würden ignorieren, dass wir im Homeoffice viele Dinge genauso gut erledigen können, wie in einem Büro und darüber hinwegsehen, dass 9 von 10 Meetings, die wir in unserem Büros abgehalten haben, gar nicht stattfinden müssten oder zumindest in einer viel kürzeren und damit effizienteren Art und Weise durchgeführt werden könnten.

Werden wir unberücksichtigt lassen, dass wir ein Gesundheitssystem aufgebaut haben, welches nicht in der Lage war, ohne diese massiven Eingriffe in unser Leben, eine Notfallversorgung von kranken Menschen während einer Epidemie aufrecht zu erhalten? Werden wir vergessen, dass es Familien gibt, die gerade an den Rand ihrer Belastbarkeit kommen dadurch, dass sie gleichzeitig Homeschooling, ihren Job und auch noch die Paarbeziehung unter einen Hut bekommen müssen, und dies an manchen Stellen auf sehr kleinem Raum? Werden wir uns am Ende des Lockdowns noch daran erinnern, dass die Natur sich gerade schneller als erwartet erholt hat? Wir haben derzeit sauberere Flüsse und Meere, klarere Luft und weniger Lärmbelästigung als sonst um diese Jahreszeit. 

Werden wir ignorieren, dass wir unsere Eltern und Grosseltern in den Pflege- und Altersheimen nicht mehr besuchen konnten und ausblenden, wie sehr uns selber die Umarmungen, der Austausch mit anderen Menschen und das Leben ausserhalb unserer eigenen vier Wände gefehlt hat? Werden wir die Freiheit, die wir zur Gestaltung unserer Zeit zurückgewonnen haben, aufgeben und unseren Takt des Tages wieder durch die äusseren Zwänge bestimmen lassen?

Nun können wir das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben genau zu Beltane, zum Beginn der Sommerzeit, wieder langsam anlaufen lassen. Wir können das Leben, welches wir uns wünschen, wieder beginnen.

«You can never unlearn», damit ist gemeint: «Was wir wissen, können wir nicht mehr ignorieren». Dieser Spruch, der mich schon lange begleitet, macht mir Hoffnung, ruft mich dazu auf hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen.

In der Natur wird der Prozess des Wachstums begleitet vom ständigen Regulieren und Anpassen an die vorhandenen Ressourcen. Es müssen genügend Nährstoffe für alle Pflanzen und Tiere zur Verfügung stehen. Keine Art kann über die eigenen Bedürfnisse hinaus Ressourcen beanspruchen, sonst kommt es zu einem Ungleichgewicht.

Und was heisst das nun konkret für mich? Welche Schlüsse kann ich aus meiner Analyse ziehen?

Zunächst einmal lerne ich wieder genauer hinzuschauen, Zeugnis abzulegen und die Themen zu benennen. Das Problem zu erkennen ist der Anfang jeder Veränderung.

Anschliessend gilt es, in kleinen Schritten, wo immer es möglich ist, mit dem Handeln zu beginnen. Ich ganz persönlich habe durch meine Ausbildung, meine Erfahrung und meine Leidenschaft für verantwortungsvolle Geldflüsse die Möglichkeit, das Finanzsystem mitzugestalten. Damit ist meine wichtigste Aufgabe Geldflüsse zu ermöglichen, die all unsere Erfahrungen in dieser Krise berücksichtigen. Es ist meine Aufgabe mitzuwirken, dass eine Wirtschaft entsteht, die uns alle befähigt, ein Leben in Einklang mit der Natur und den vorhandenen Ressourcen zu führen. Ich habe noch keine Lösungen gefunden, aber ich weiss, dass es meine Aufgabe ist, an diesen Lösungen mitzuwirken,

Ganz konkret bedeutet dies für mich verantwortungsvoll einen Platz einzunehmen, an dem ich aktiv etwas zu einer Entwicklung in diese Richtung beitragen kann.

Ich denke, das ist gerade jetzt die Hauptaufgabe für jeden von uns: Sicherzustellen, dass wir an der Stelle wirken, an der wir all unsere Erfahrungen einbringen können. Mit «Stelle» meine ich nicht nur diejenige in der Arbeitswelt. Gerade jetzt in diesem Moment brauchen wir auch äusserst dringend ganz viel andere Dinge. Wir müssen die Gemeinschaft pflegen, menschliche Nähe geben, zuhören und einfach nur da sein. Wir brauchen Kunst, Musik und Schönheit, die Freude am Leben bringen. Dies sind Dinge, welche wir im Alltag häufig vergessen. Aber sie sind umso wichtiger, vielleicht noch wichtiger als die verantwortungsvollen Geldflüsse, denn Geld können wir nicht essen. Es ist immer nur Mittel zum Zweck. 

Damit komme ich zu einem zweiten Schritt, mit dem ich ganz persönlich zu einer positiven Entwicklung beitragen kann. Ich glaube fest daran, dass in einer verantwortungsvollen Gesellschaft die Grundbedürfnisse von jeder und jedem gedeckt sein müssen. Egal ob Künstler, Managerin, Lehrer, Ärztin oder Pfleger. Diese Basis für ein gutes Leben, die uns eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit verschafft, brauchen wir alle. Das bedingungslose Grundeinkommen ist noch nicht etabliert. Selbstversorgende Dörfer und Städte gibt es noch immer sehr wenige. Daran müssen wir in den kommenden Jahren arbeiten. All jene, die im Moment mehr haben, als sie zum Leben brauchen können in ihrem direkten Umfeld persönlich im Kleinen mit der Umsetzung starten und an Initiativen wie «Together now» und «Mein Grundeinkommen» teilnehmen. Wir können aber auch unserer Coiffeuse, dem Yogalehrer oder auch anderen Dienstleisterinnen und Dienstleistern Gutscheine für zukünftige Leistungen abkaufen, oder noch besser, ihnen mehr bezahlen als sonst. Wir können ein Projekt eines Musikers, eines Künstlers oder eines anderen Menschen, eine Monatsmiete übernehmen oder ein Jahresabo für Biogemüse schenken. Mit dem Jahresabo tun wir übrigens auch noch dem Bauern aus der Region etwas Gutes, der ja in den letzten Wochen keine Möglichkeiten hatte, seine Waren auf dem Markt zu verkaufen. 

Die wichtigste Frage an mein Gegenüber ist derzeit bei jeder Begegnung: «Was brauchst du?» Und das ist manchmal etwas ganz anderes, als wir denken. Es ist wichtig, dass wir alle immer wieder diese Frage an die Menschen, die unter dieser Krise noch mehr leiden als wir, stellen.

Ich selber unterstütze mein direktes Umfeld, da ich das Gefühl habe, hier kann ich am meisten bewirken. Es gibt unendlich viele Gelegenheiten etwas im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu bewegen.

Im Sinne des Buches von Rob Hobkins, dem Gründer der Transition Bewegung geht es darum jetzt zu starten. Einfach. Jetzt. Machen!

Wenn Geldflüsse unterbrochen werden: Führt der Coronavirus zu unfreiwilligem Geldfasten?

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Natürlich beschäftigt auch mich im Augenblick der Coronavirus. Spannend, dass dies Ereignis zufällig in diese Fastenzeit fällt.

Die Massnahmen, mit welchen man die Entwicklung in den Griff zu bekommen versucht, führen auf ganz unterschiedliche Weise auch dazu, dass auf viele unterschiedliche Dinge verzichtet werden muss. Freiwillig und unfreiwillig.

In der Schweiz wurden so unterschiedliche Dinge wie die Basler Fasnacht und der Genfer Autosalon sowie alle weiteren Grossveranstaltungen mit über 1000 Teilnehmenden bis mindestens 15. März ver- boten. 

Die NZZ sprach Ende Februar in dem Artikel «Coronavirus weltweit, die neusten Entwicklungen» von 2900 Todesopfern weltweit, Tendenz steigend. Insgesamt sind mehr als 80.000 Personen, verteilt auf mehr als 50 Länder, erkrankt. Europa verzeichnet bisher 36 Tote (Stand 2. März 2020), davon 34 in Italien, 2 in Frankreich. Die weitere Entwicklung können wir täglich über die Medien unserer Wahl verfolgen.

Die Lieferketten in der Technologie- und Textilbranche, unsere geliebten Smartphones und die neuesten Modekollektionen, sind in Gefahr, so heisst es. Der Produktionsstopp in China in den letzten Wochen beeinflusst unseren Konsum. Lange können die Maschinen nicht mehr stillstehen. Der Einfluss auf unsere Wirtschaft- und unser Geldsystem wird immer grösser und sichtbarer.

Ich bin keine professionelle Researcherin und mir ist auch bewusst, dass wir im Zeitalter der Fake News leben, aber je mehr ich in das Thema eintauche, desto präsenter wird die Frage, ob in dieser aktuellen Krise die Wirkung von Geldflüssen (durch deren Ausbleiben) gerade sichtbarer wird als sonst. Noch vor einem Moment war der Geldfluss relativ stabil. Nun versiegt er an verschiedenen Orten gleichzeitig bei ganz unterschiedlichen Personen auf unterschiedliche Weise.

Zur Erinnerung:

Die Anzahl der weltweit hungernden Menschen beträgt 822 Millionen Menschen, dies sind 11% der Weltbevölkerung. Diese Zahlen stammen von der Webseite der Welthungerhilfe. Die UNHCR spricht im Sommer 2019 davon, dass zum ersten Mal mehr als 70 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Statistiken und Zahlen finden sich zum Beispiel hier

Auch zu Krieg und Hunger könnten wir tagesaktuell alle Fakten über die unterschiedlichsten Quellen zusammentragen. Wir tun es nicht, vielleicht weil es uns nicht persönlich betrifft.

Jeder Mensch ist wertvoll, jede der drei hier beschriebenen Situationen, Krankheit, Hunger, Flucht, erfordert Mitgefühl, Respekt, Achtsamkeit aber auch unser aktives Hinschauen und angemessenes, zeitnahes Handeln.

Doch warum führt die Furcht vor einer Corona-Epidemie, ähnlich wie die SARS-Pandemie 2002/2003 zu einer Änderung des Kaufverhaltens?

Menschen decken sich mit Schutzmasken und lange haltbaren Lebensmitteln ein, vermeiden Reisen und verbieten Veranstaltungen mit über 1000 Teilnehmenden.  Über die Auswirkungen auf das Kaufverhalten der Schweizer berichtet zum Beispiel die NZZ am 29.02.2020 in einem Artikel.

Wäre es hier angemessen von einer Art Geldfasten zu sprechen, welche von aussen erzwungen wurde? Aber nein, Fasten ist etwas Freiwilliges, also muss Geldfasten auch auf freiwilliger Basis geschehen.

Die Corona-Krise führt zu unerwarteten Umsatzsteigerungen in der Pharmaindustrie. Gesichtsmasken sind ausverkauft, bei den Schmerzmitteln werden die Vorräte knapp. Es wird von Hamsterkäufen berichtet, die durch ausführliche Medienberichterstattung noch weiter gefördert wird. Manche sprechen von bewusster Steuerung der Panik und des Kaufverhaltens. Soweit möchte ich nicht gehen. An dieser Stelle wird definitiv nicht gefastet. Das Kontroll- und Schutzbedürfnis des einzelnen Menschen schlägt durch. 

Die Frage bleibt jedoch: Warum handeln wir als Gesellschaft, Behörde, Unternehmen oder auch einzelne Person gerade jetzt so schnell und hoffentlich auch wirkungsvoll, wenn wir Grossveranstaltungen und Reisetätigkeiten überdenken. Warum tun wir genau dies in anderen Fällen nicht?

Hat es damit zu tun, dass wir für eine Eindämmung des Hungers auf der Welt und für die Lösung der Herausforderungen, welche die Flüchtlingsströme uns aufzeigen unser eigenes Konsum- und Geldverhalten zugunsten anderer ändern müssen, unser persönliches Verhalten überdenken müssen, auf Geld verzichten müssen? Kann es sein, dass wir unser zum Teil hart erarbeitetes Geld nur für uns und unser Wohl nutzen wollen und einfach nicht mehr teilen können?

Es gibt auch Beispiele, die genau das Gegenteil zeigen. The Giving Pledge machen es vor. Sie verpflichten sich, einen Teil ihres Vermögens zurück in den Fluss zu bringen. Es bleibt anzumerken, dass anschliessend weiterhin eine vielleicht unvorstellbar grosse Summe Geld im Besitz dieser Spender verbleibt. Aber zugegeben, sie brechen das Muster des ständigen Geldsammeln und Geldhortens und versuchen ihr Geld sinnvoll zurück in den Kreislauf zu bringen. Geldfasten, im Sinne eines Verzichts Geld für sich selber auszugeben, kann zu Geldfülle an anderer Stelle führen, wenn weise Geldentscheidungen getroffen werden.

Auch bei dieser Art Entscheidung ist es nicht immer leicht, das Richtige zu tun, denn es gibt kein entweder oder kein schwarz oder weiss.

Situationen wie der Coronavirus fordern uns auf, zu lernen und uns vor allen Dingen uns mit unseren eigenen Bedürfnissen und Ängsten zu beschäftigen. Diese Situationen fordern uns auf uns selber zu schützen, ohne die anderen zu vergessen.

Im letzten Blog habe ich mir die Frage gestellt, was ich mit dem Geldbetrag mache, der beim Fasten entsteht, da ich, wie bereits im Blog erwähnt, in dieser Zeit so gut wie nichts ausgebe.

Mir persönlich – und dies ist mein ganz eigener Weg – zeigt die Auseinandersetzung mit dem Coronavirus, dass ich wieder mehr auf die in Vergessenheit geratenen Themen schauen muss, darüber nachdenken muss, wie ich zu weniger Hunger, weniger Flüchtlingsströmen in der Welt beitragen kann.

Auf den Coronavirus bin ich durch mein Alter, meine privilegierte Lebensweise, meinen gesunden Körper und mein bewusstes Reiseverhalten gut vorbereitet – hier gibt es derzeit für mich nichts zu tun, ausser Mitgefühl mit den einzelnen Schicksalen zu zeigen und auch den positiven Seiten Beachtung zu schenken. Denn diese gibt es tatsächlich auch.

Ein Artikel im Spiegel vom 1.März trägt den Titel «Coronavirus führt in China zu Rückgang der Luftverschmutzung». Wenn die Verbesserung der Luft in den betroffenen Städten weiter anhält, ist dies eine wirksame Massnahme für das Klima, ein Zeichen, was hoffentlich von den Verantwortlichen weise interpretiert wird und vielleicht dazu führen könnte, dass wir erkennen, dass weniger Produktion und Konsum mehr Lebensqualität bedeutet.

Dieser Artikel ist ein Beitrag im Kontext unserer Fastenwoche 2020