Melanie Gajowski

„Wer macht was bis wann?“ oder „Was wünsche ich uns allen für 2021?“

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Schon seit ein paar Tagen habe ich einige Absätze und Worte im Kopf für meinen letzten Blogbeitrag in 2020. Diese verändern sich jedoch immer wieder, je nach dem auf welchen Teil des letzten Jahres ich zurückblicke oder welchen Artikel ich gerade lese. Dieses Jahr war für mich persönlich mit sehr vielen und anstrengenden Herausforderungen verbunden. Gleichzeitig habe ich auch wenige Jahre in Erinnerung, die so viele schöne Momente für mich bereithielten.

Nicht nur die negativen Geschehnisse, auch die grossen Hilfen und Unterstützungen und viel mehr noch die kleinen menschlichen Gesten, die ich selber immer und immer wieder erfahren durfte, liessen mich vieles erleben. Vieles ist geschehen, was ich am Anfang dieses Jahres nicht für möglich gehalten hätte. 

Mut machten mir die vielen inspirierenden Begegnungen mit all jenen, die ähnlich wie ich jeden Morgen wieder von neuem aufstehen, um trotz allem oder gerade, weil alles in diesem Jahr so anders ist, immer wieder neu eine Welt gestalten wollen, in der wir alle gerne leben möchten.

Die Frage „Wer macht was bis wann?“ ist der Einstieg in das Buch Community von Peter Block welches ich vor wenigen Tagen erhalten habe.

„Wer macht was bis wann?“ könnte zu einer der wichtigsten Fragen im kommenden Jahr werden, wenn wir das, was uns 2020 an Aufgaben präsentiert wurde, ernst nehmen und es als Auftrag sehen, die Welt zum Positiven zu verändern. Es ist viel über das letzte Jahr berichtet worden und viele wünschen sich nichts sehnlicher, als dass es nun zu Ende geht, was rein kalendarisch auch in wenigen Stunden der Fall sein wird. 

Im „Wer macht was bis wann?“ stecken für mich viele wichtige Aussagen und Impulse gleichzeitig.

Wer? – Keine und keiner von uns muss alles alleine machen oder die Antwort alleine kennen. Im kommenden Jahr 2021 geht es für mich vor allen Dingen darum, mit den richtigen und engagierten Menschen gemeinsam Neues zu gestalten. „Wer?“ stimmt mich zuversichtlich. Keine Person arbeitet alleine an der Lösung. Wir werden uns abwechseln und jede Person wird sich mit ihrem Wissen einbringen. Die Lösung für das, was nun vor uns liegt, kennt niemand, wir müssen sie gemeinsam entwickeln. 

Wir alle kennen die Aufgabe, die sich uns nun stellt, bezüglich des Lösungswegs sind wir aber wahrscheinlich nicht alle gleicher Meinung. Manche wünschen sich, dass alles einfach wieder so wird wie früher, wie damals, bevor wir im März in den ersten Lockdown gingen. Andere wollen „es“ so schnell wie möglich hinter sich haben. Manche sehen vor allen Dingen jene Menschen, die viel oder sogar alles verloren haben und wieder andere sehen die positiven Auswirkungen für Mensch und Natur.  Die Aufgabe wird sein, mit dieser neuen Welt umzugehen. Wir haben jetzt die Chance, eine Welt zu gestalten, die für alle gut funktioniert und nicht nur für die wenigen, die aus unterschiedlichsten Gründen viel Geld haben und bis vor kurzem dachten, dass man sich mit diesem Geld alles kaufen kann.

macht“ – Machen, im Sinne von etwas tun, ist eines der wichtigen Mottos für das kommende Jahr. Zuschauen von der Tribüne ist nicht angesagt. Auch Denken und Konzepte entwickeln, ohne sie in die Praxis zu bringen, wird uns nicht weiterbringen. Es ist Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und beizutragen, zu helfen. Wir alle kennen inzwischen eine Person, deren Leben sich durch Corona verändert hat und wahrscheinlich auch mehr als ein Unternehmen, einen Gastrobetrieb oder auch eine Einzelfirma, welche vom Ausbleiben der Kunden und den externen Massnahmen so betroffen ist, dass sie ihr Geschäft aufgeben muss und vor dem Nichts steht. Diese Menshen brauchen unsere Unterstützung.

„Was?“ – Was kann ich als einzelne Person beitragen, wenn ich Menschen begegne, denen es schlechter geht als mir? Worum möchte ich jene Personen bitten, denen es gerade besonders gut geht? Und vor allen Dingen: Was ist wirklich wichtig? Ich habe mir seit einigen Jahren angewöhnt Menschen, sowohl Freunde als auch Kunden, immer als erstes zu fragen „Was brauchst du?“. Die gleiche Frage stelle ich auch mir selber immer wieder und manchmal sind es ganz konkrete, materielle Dinge, die ich benötige, um etwas zu erreichen, was mir wichtig ist. Manchmal ist es eine Umarmung, die ich brauche, manchmal eine Ermunterung oder ein Lächeln.

„bis wann?“ – Nicht alles ist gleich dringend und nicht alles kann bis morgen warten. Für das kommende Jahr ist viel Fingerspitzengefühl und viel Weisheit gefragt, um in möglichst vielen Situationen den richtigen Zeitpunkt zum Handeln zu finden. Panik ist nicht angesagt. Die Situation aussitzen ist definitiv auch keine Lösung. 

„Bis wann?“ ist für mich ganz persönlich als Aufforderung gedacht, immer wieder innezuhalten und zu schauen, ob ich im richtigen Rhythmus unterwegs bin. Bin ich zu schnell? Bin ich zu langsam? Und was genau macht den richtigen Zeitpunkt aus? Dabei hilft mir die Natur immer wieder den stimmigen Moment zu finden. Und sie hilft mir auch, zu beobachten und zu analysieren und erst dann zu handeln. Und natürlich hilft es auch, mein Gegenüber einfach zu fragen. Genauso wie ich frage „Was brauchst du?“ kann ich auch fragen „Was ist ein guter Zeitpunkt für etwas, dass ich zu deinem Wohl beisteuern kann?“

Ich habe schon oft über das Thema Weisheit geschrieben und gesprochen, wahrscheinlich fast so häufig, wie ich über unsere Beziehungen zum Geld philosophiere. Beides sind Themen, die mir wichtig sind, beides sind Themen, die mein kommendes Jahr prägen werden.

Als Vorbereitung für diesen Blogbeitrag las ich nochmals den Artikel, welchen ich vor einem Jahr für die Zeitschrift „Doppelpunkt“ verfassen durfte. Ich wurde damals gebeten, darüber zu schreiben, was ich der Schweiz für das Jahr 2020 wünsche. 

Vor einem Jahr habe ich uns einen achtsamen, liebevollen Umgang mit Geld gewünscht. Während meiner Fastenzeit im März 2020 habe ich einige weitere Gedanken dazu in diesem Blog niedergeschreiben. Daneben habe ich der Schweiz gewünscht, dass sie eine Wirtschafts- und Finanzstrategie entwickelt, die nicht nur an heute denkt, sondern die Wirkung für die sieben Generationen, die nach uns kommen, berücksichtigt. Die Weiterentwicklung der Finanzmarktpolitik in der Schweiz scheint in eine vielversprechende Richtung gehen zu wollen. Am 4. Dezember hat der Bundesrat die Weiterentwickung hier konkretisiert und beschlossen. Innovation, Vernetzung und Nachhaltigkeit stehen im Zentrum. 

Etwas, was ich zu Beginn des letzten Jahres als Wunsch überhaupt nicht im Fokus hatte, war die persönliche Gesundheit und das Schaffen eines Umfeldes, welches uns und unserem Immunsystem und dem Immunsystem unserer Wirtschaft gut tut.

So ergänze ich meine Wünsche aus 2020 mit dem Wunsch, dass wir im Sinne von „Wer macht was bis wann?“ alle dazu beitragen eine aktiv gestaltende und gesunde Gesellschaft zu erschaffen und zu erhalten. 

Bei diesem Wunsch geht es um die persönliche Gesundheit von uns selbst und auch um die Gesundheit der anderen Menschen um uns herum. Dies kann manchmal dazu führen, dass wir uns an Regeln halten müssen, die wir selber so nicht aufgestellt hätten. Dies ist aber auch eine Aufforderung, zur Stärkung des Immunsystems selber beizutragen, durch gesunde und natürliche Nahrung, durch einen gesunden Lebensstil und auch durch einen gesunden, umweltverträglichen Konsum, der sich auf das beschränkt, was wir wirklich brauchen. 

Und auch für die Wirtschaft wird es wichtig sein, dass sich alle immer wieder die Frage stellen: „Wer macht was bis wann?“.  Kreislaufwirtschaft und kurze Transportwege, faire Preise und faire Löhne, Produktion, die am wirklichen Bedarf ausgerichtet ist, dies sind Elemente eines gesunden Wirtschaftssystems. 

Und vor allen Dingen braucht es Weisheit, bei den Führungspersönlichkeiten und politisch aktiven Menschen, damit Sie Entscheidungen treffen, die dem Wohle aller dienen und Leid vermindern. Auch hier gibt es bereits zukunftstaugliche Ansätze zum Beispiel die Gemeinwohlökonomie oder die B-Corp Bewegung, welche die Zukunftstauglichkeit eines Unternehmens messbar machen. 

Und es braucht auch jede und jeden Einzelnen von uns mit ihrem und seinem ganz persönlichen Beitrag.

Für 2021 wünsche ich uns allen, die richtigen Fragen zu stellen und die Weisheit zum richtigen Zeitpunkt achtsam zu gebrauchen und auch zu handeln und zu entscheiden.

Ich wünsche uns und allen Menschen auf dieser Welt Gesundheit, Weisheit und Zuversicht.

Clean Money Revolution

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Das Buch The Clean Money Revolution von Joel Solomon begleitete mich durch die Herbstferien. Einige der Gedanken, die nun folgen, sind von diesem Buch inspiriert, andere beruhen auf meinen eigenen Auffassungen und Erfahrungen, die sich mit dem, was mir das Buch gerade an gelebter und erzählter Weisheit schenkt, sehr gut ergänzen. 

Sauberes Wasser, saubere Luft, sauberer Boden und sauberes Essen sind die Grundlagen eines gesunden Lebens. Den Begriff sauberes Geld habe ich bisher in meinen Blogbeiträgen nicht verwendet, aber er umschreibt recht gut, worum es mir im Kontext der verantwortungsvollen Geldflüsse geht.

Viele der aktuellen Missstände in unserer Gesellschaft finden ihren Ursprung in der Welt der Finanzen. Viel zu lange haben wir alle uns zu wenig Gedanken darüber gemacht, was unsere ganz persönlichen Geldentscheidungen zu der Welt, in der wir leben, beitragen.

Wir leben mit Entscheidungen von grossen Konzernen, Politikern und anderen Menschen an der Macht, welche aus ganz persönlichem Interesse das Geld über die Interessen von Menschen und Natur stellen. 

Hier sei angefügt, die Welt ist nicht «schwarz weiss» bzw. «gut gegen böse». Nur den Konzernen und Machtmenschen die Schuld an unserer aktuellen Situation zu geben, wäre nicht angemessen. Es ist ein an allen Ecken und Enden verbundenes System, welches sich über Jahrhunderte hinweg entwickelt hat. Zwischen den Guten und den Bösen kann man darin nicht mehr so einfach unterscheiden. Die Konzerne schaffen Arbeitplätze und manch ein Produkt der sogenannten Bösen bereichert und erleichtert unser Leben. Wenn wir beginnen, die Rolle all dieser Wirtschaftsbereiche neu zu überdenken, müssen wir dabei auch jeweils die Folgen mitberücksichtigen. Und doch, nur weil es komplex ist, heisst es nicht, dass wir es nicht versuchen sollten.

Unsere ganz persönlichen Geldentscheidungen spielen eine entscheidende Rolle in diesem System. Wenn wir es richtig anpacken, werden unsere Geldentscheidungen ganz automatisch dazu führen, dass sich unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft in eine positive Richtung entwickeln. Wenn unser eigenes Geld nur noch in sogenannte saubere Kanäle fliesst, werden automatisch die nicht so sauberen Kanäle austrocknen. Menschen werden beginnen, die Kanäle zu reinigen. An einigen Stellen findet sies bereits jetzt schon statt. Ein Beispiel ist die Textilindustrie, in welcher das Verschmutzen von Flüssen und das Ausbeuten von Menschen schon jetzt nicht mehr akzeptabel ist. Ein Unternehmen nach dem anderen beginnt, neue Wege zu suchen. Wir können ganz konkret und persönlich entscheiden, wo wir unsere Kleidung kaufen. Dies hat Einfluss auf die Wirtschaft und das, was uns Unternehmen zum Kauf anbieten. Was nicht gekauft wird, wird schon bald nicht mehr produziert werden und vom Markt verschwinden.

Mit den Massnahmen, die wir gerade im Aussen durch Corona erfahren, werden wir selber immer wieder vor die Frage gestellt: Was ist genug?

Ich habe gelesen, dass der Durchschnittshaushalt in diesem Jahr mehr Geld spart, als in anderen Jahren. Und dies obwohl die Ausgaben für gesunde, verantwortungsvolle Nahrungsmittel und die Versorgung im lokalen Umfeld gestiegen sind. 


Es gibt bestimmt Menschen, die gerade auf etwas Liebgewonnenes verzichten müssen und dies sehr schmerzhaft spüren. So wie ich es erlebe, sind dies zumeist Dinge, die nicht mit Geld zu bezahlen sind: Kein Besuch bei der Freundin, welche im Nachbarland lebt, oder keine Erholungszeit in der Natur. 

Was macht also genau „sauberes Geld» und was machen «saubere Geldentscheidungen“ aus? 

Für Joel Solomon, den Autor von Clean Money Revolution, welcher aus einem wohlhabenden Unternehmerumfeld kommt, geht es vor allem darum, mit dem Geld, welches er besitzt, saubere Kanäle zu öffnen und zu unterstützen. Er investiert konsequent in verantwortungsvolle Unternehmen und bewirkt damit eine Veränderung zum Positiven.

Auch ohne direkt Geld zu investieren können wir Geldflüsse beeinflussen. Wir entscheiden, wo wir was kaufen und wir entscheiden auch, was für einem Beruf wir nachgehen und für welche Firma wir arbeiten. In der Generation, welche gerade in die Berufswelt eintritt, ist ein sehr grosser Teil der Menschen nicht mehr bereit für eine Firma zu arbeiten, deren Werte sie nicht teilt.

Dies bedeutet zwar, dass sich das Problem, welches wir gerade haben, wahrscheinlich in spätestens zwei Generationen von selber lösen wird. Ich glaube jedoch nicht, dass wir soviel Zeit haben und vor allen Dingen befreit es uns, die wir schon seit einigen Jahren oder auch Jahrzehnten in der Arbeits- und Konsumwelt aktiv sind, nicht von der Verantwortung. Diese Verantwortung ist individuell, daher muss jede Person hier ihren eigenen Weg finden. Wobei, so zu tun, als hätten wir keine Verantwortung, ist dabei keine Option!

Es kann herausfordernd sein, wirklich verantwortungsvolle Geldentscheidungen zu treffen. Und an machen Stellen werden wir abwägen müssen. Klimaschutz zu Lasten sozialer Gerechtigkeit ist zum Beispiel eines dieser Entscheidungsfelder, wo wir ganz achtsam schauen müssen, was wir mit unseren Entscheidungen bewirken. Dies bedeutet nicht, darauf zu verzichten, mit allen Mitteln sicherzustellen, dass wir die menschenverursachten Umweltschädigunen stoppen. Diese Massnahmen und zusätzlich noch etwas, was ich als weises Handeln und Entscheiden bezeichnen würde, sind notwendig.

Ich stelle die These auf, dass ohne das Erlernen und Anwenden der Kompetenz Weisheit, vieles was wir gerade versuchen, um die bessere Welt zu gestalten, nicht so funktionieren wird, wie wir es uns wünschen.

Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und füge der Weisheit noch die Liebe und den Frieden hinzu. Wenn ich einen Punkt angeben müsste, welcher mich an dem durchwegs inspirierenden Buch „Clean Money Revolution“ stört, so ist es das Wort Revolution, welches ich instinktiv mit Aufruhr, Kampf und Leid verbinde. Mir ist das Wort Evolution lieber, es wird übrigens im Buch auch häufig mit der Revolution in einem Satz verwendet.

Wenn wir in Wut, Kampf oder sogar im Krieg versuchen, die Welt, die wir für die bessere halten, durchzusetzen, so werden wir Leid und Verlierer produzieren. Rein intuitiv kann dies nicht der richtige Weg sein, wenn es stimmt, und daran glaube ich fest, dass auf dieser Welt für alle genug vorhanden ist, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu erfüllen, sodass es kein Verlieren und kein Leiden geben muss.

Deswegen möchte ich neben die Liebe und den Frieden die Weisheit stellen. Nur diese drei Eigenschaften in Kombination können zu einer verantwortungsvollen und lebenswerten Welt führen.

Es bleibt die Frage, warum wir nicht längst auf diesem Wege sind und hier komm ich nun wieder zurück zum Clean Money und der zu Beginn genannten Aussage, dass viele der aktuellen Missstände in unserer Gesellschaft ihren Ursprung in der Welt der Finanzen finden. Um des lieben Geldes wegen tun wir Dinge, die uns zwar nützen, aber der Gesellschaft und der Umwelt schaden. Und an manchen Stellen sind wir uns auch gar nicht bewusst, wie sehr wir durch unsere Bedürfnisse zum Schaden beitragen. Ein Beispiel sind unsere Pensionskassen, die ihr Bestes tun, um dafür zu sorgen, dass es uns auch im Alter finanziell gut geht. Dies tun viele Pensionskassen leider, indem sie in Beteiligungen und Aktien investieren, die der Natur und auch Menschen Schaden zufügen. Hier befindet sich ein grosser Hebel, um anzusetzen. Ein grosses Umdenken und auch ein neues Handeln sind erforderlich. Denn letzten Endes sind es doch unser aller Ersparnisse und unser aller verdientes Geld, und die sind es wert, verantwortungsvoll und respektvoll behandelt und genutzt zu werden. Die Möglichkeiten sind längst da, auf allen Ebenen. Weise Geldentscheidungen können uns helfen, die Welt zu gestalten, die wir uns wünschen.

Was das konkret bedeutet, möchte ich in den kommenden Monaten weiter herausfinden und dann natürlich auch soweit es mir möglich ist, in die Praxis umsetzen.

Erntezeit

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Der Herbst ist dieses Jahr für mich recht plötzlich gekommen, nicht vom Datum im Kalender her, sondern eher mit Blick auf die Natur. 

Gerade noch waren die Weintrauben an den Reben und nun ist alles bereits gelesen. Die Blätter der Bäume sind bunt und zum Teil bereits abgefallen und auf meinem regelmässigen Spaziergang durch den Wald laufe ich über Wege, die mit Eicheln bedeckt sind. Diese Woche habe ich in Davos auf 2.000 Metern bereits meine erste Wanderung im Schnee gemacht.

Eine reiche Ernte scheint uns die Natur hier rund um mein Zuhause zu schenken. Die Apfelbäume sind voller Früchte und auch sonst scheint es ein nährendes Jahr voller Fülle zu sein. Zumindest hier in meinem Umfeld ist das so.

Natürlich ist es bei aller Schönheit im Augenblick für mich nicht möglich, diese Fülle ohne ein paar nachdenkliche Worte zu geniessen. Wir haben Mitte Oktober und unser Bundesrat hat über erneute Massnahmen beraten und Mensch und Wirtschaft werden sich darauf einstellen müssen, dass dieser Winter so ganz anders sein wird, als wie wir ihn kennen.

Unsere Bewegungsfreiheit und damit die Möglichkeit einander zu begegnen ist eingeschränkt. Vielen Unternehmen steht eine Zeit bevor, in welchen sie noch nicht so genau wissen, ob sie genügend Einnahmen generieren werden, um ihr Geschäft weiter am Leben halten zu können.

Mir scheint wir ernten auch hier gerade etwas, was wir über lange Zeit, bestimmt über einige Jahre, vielleicht aber auch über mehrere Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte gesät haben. Der Lebensstil, den wir auf Kosten anderer Menschen und der Natur gelebt haben, kommt an seine Grenzen. 

Was genau die Ursache dieses Virus ist und was die beste Behandlungsform ist, ich weiss es nicht. Aber eines habe ich als Schülerin der Naturheilkunde gelernt: Ein gesundes Immunsystem ist nicht in gleicher Form anfällig für Krankheiten, wie ein angeschlagenes. Ein gesundes Immunsystem ist in der Lage mit den unterschiedlichen Impulsen von aussen umzugehen und wieder ein gesundes Gleichgewicht herzustellen. Dies gilt aus meiner Sicht auch für das Immunsystem der Wirtschaft.

Erst wenn das Immunsystem soweit angeschlagen ist, dass es die Selbstheilungskräfte nicht mehr alleine aktivieren kann, dann braucht es Hilfe von aussen. Ohne diese Hilfe von aussen würde das System irgendwann zusammenbrechen. Aber irgendwann bricht jedes System. So wie im Herbst die Blätter von den Bäumen fallen, hat auch alles andere seine eigene Zeit, seinen eigenen Lebenszyklus. 

Wir versuchen ja auch nicht, die abgefallenen Blätter wieder an den Baum zu kleben, in der Hoffnung, dass sie wieder grün werden. Wir wissen, dass der Baum diese Phase des Sterbens und des Loslassens braucht.

Auch wenn diese Sätze Vergänglichkeit und Zusammenbruch in den Vordergrund stellen, so ist dieses Sich-Zurückbesinnen auf das Wesentliche, das Herunterfahren unserer konsumgesteuerten Wirtschaft auch eine Chance. Wir haben die Chance uns zu fragen, was wirklich wichtig ist. Genau jetzt bietet sich uns die Chance eine neue Form der Wirtschaft zu gestalten.

Diskussionen über einen Lebensstil, der die eigene Gesundheit fördert und gleichzeitig weder der Umwelt noch anderen Menschen schadet, werden in meinem Umfeld immer häufiger und auch konkreter.

Jedes einzelne menschliche Schicksal ist bedeutend. Manchen Menschen geht es gerade gar nicht gut und es ist wichtig, dass wir alle achtsam mit diesen Menschen und respektvoll mit ihren Schicksalen umgehen. 

Die kommenden Wochen werden uns herausfordern neu zu denken. Sie werden uns herausfordern, neben unserer eigenen Gesundheit auch das Wohl anderer mit im Blick zu haben. Wirtschaft und Gesellschaft funktionieren nur, wenn wir alle gemeinsam als Solidargemeinschaft dazu beitragen. Jede und jeder in der Form wie er und sie kann.

Wir kennen die Zukunft nicht und wir haben auch nur wenig Kontrolle darüber, welche Entscheidungen im Aussen getroffen werden. Wir haben jedoch volle Kontrolle darüber, was diese Entscheidungen mit uns machen. Wir können uns als Opfer sehen. Das ist eine Möglichkeit. Wir können jedoch auch anders reagieren und uns bewusst werden, dass wir Teil der Lösung sind. 

Egal was ich ganz persönlich von den Massnahmen halte, welche Politiker treffen. Deren Auswirkungen werden mich persönlich und andere um mich herum in unserem Leben beeinflussen, ob wir es wollen oder nicht. 

Vielleicht werden mich manche für eine Idealistin oder vielleicht sogar für eine Träumerin halten, wenn ich in dieser Situation auch das Positive sehe und vor allen Dingen auf die Chancen fokussiere. Wobei, wer mich kennt weiss, für wie wichtig ich Träume halte. Sie enthalten das Potential, mit dem wir unsere Zukunft gestalten können.

Gerade in diesem Jahr ist die Ernte in der Natur hier um mich herum sehr reichhaltig. Ein Zeichen dafür, dass es in diesem Winter nicht an gesunden Lebensmitteln mangeln wird und auch noch genug da sein wird für jene, die eine weniger gute Ernte hatten. Übrigens, die UN hat vor einigen Jahren in einer Studie bewiesen: Es ist genug Nahrung für die gesamte Welt vorhanden, wenn wir sie richtig verteilen.

Ich füge noch eine weitere, häufig zitierte Aussage hinzu. Diese lautet: „Es ist genug zu Essen für alle da, jedoch nicht genug für all unsere Gier.“ Dies ist etwas, worüber wir regelmässig nachdenken sollten: Wann haben wir genug und wann ist es an der Zeit, dass, was wir mehr als genug haben weiterzugeben oder zumindest zu teilen?

Die kommenden Monate sind eine grosse Chance Neues zu gestalten. Nicht nur die gesunden Lebensmittel sind jetzt gerade reichlich vorhanden. Um mich herum spriessen auch die kreativen und guten Ideen rund um einen verantwortungsvollen Lebensstil. Vielen lokal und regional orientierten Unternehmen und Bauern geht es in diesem Jahr besser als in anderen Jahren. Immer mehr Menschen vernetzen sich und beginnen gemeinsam die Welt zu gestalten und zu formen, in der wir leben wollen und welche auch für die kommenden Generationen lebenswert ist.

Nach dem Herbst gehen wir mit Samhain (1. November, Allerheiligen, Halloween) in die Zeit des Rückzugs und der Besinnung. In diesem Jahr wird dies für mich eine ganz besondere Zeit sein. 

Ich werde Rückschau halten auf das, was ich in den fast 50 Jahren meines Lebens geerntet habe und ich werde mir anschauen, mit welchen Vorräten ich in die Zukunft gehen möchte. 

Mein Leben und Wirken wird weiterhin die verantwortungsvollen Geldflüsse und den respektvollen Umgang mit Mensch und Natur in den Mittelpunkt stellen. Doch wegen all dem, was gerade um mich herum passiert, werde ich noch konsequenter und fokussierter an dem arbeiten, was mir wichtig ist. 

Es ist eine Zeit der Veränderung und jede Veränderung ist gleichzeitig ein Loslassen und eine Chance. In meiner Lebenszeit war die Chance noch nie grösser, die Vorraussetzungen noch nie besser, um dazu beizutragen, diesen an Konsum und Wachstum orientierte Gesellschaft in eine verantwortungsvollere Richtung zu entwickeln.

Ich habe grossen Respekt vor dem, was kommt und gleichzeitig freue mich mich darauf, an dieser Veränderung mitwirken zu dürfen.

Die kleinen Zeichen am Wegesrand

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Eigentlich sind es gar keine kleinen Zeichen, sondern grosse Plakete gewesen, die heute morgen meine Aufmerksamkeit geweckt haben.

In der Regel ärgere ich mich über die viele Werbung in der Stadt, weil ich sie für überflüssig und manipulierend halte. Ich denke die Werbung hat einen sehr grossen Anteil daran, dass diese oft gedankenlose Konsumparty, die viele von uns feiern, immer noch funktioniert. Werbung verführt, das ist nichts Neues.

Und doch…

…Werbung hat auch andere Seiten. Sie informiert mich über den Puls der Zeit. Deshalb widme ich ihr heute meinen kurzen Blogbeitrag.

Auf dem Weg zur Tramhaltestelle gehe ich jeweils an einer Handvoll dieser übergrossen Werbeplakate vorbei.

Das erste, welches ich heute morgen wahrgenommen habe, zeigte Werbung für Solarstrom, also für erneuerbare Energien, das zweite warb für eine Plattform für gebrauchte Konsumgüter, ein Aufruf zu mehr Suffizienz. Und das dritte zeigte Möglichkeiten für Ferien in der Schweiz und gab so einen Impuls nachhaltiger zu reisen.

Diese drei Plakate, welche alle auf ihre Art und Weise Alternativen zu unseren aktuellen Handlungsweisen zeigen, standen dicht nebeneinander. 

Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber für mich ist dies ein kleines, aber feines Zeichen, dass sich etwas verändert. Wenn Firmen beginnen ihr Werbebudget für das Zeigen von echten Alternativen einzusetzen, wenn Teile der Wirtschaft beginnen, selber neue, verantwortungsvollere Lösungen zu entwickeln, dann macht mich das hoffnungsvoll.

Und es war nicht nur ein Plakat. Es waren drei nebeneinander. Vielleicht war es Zufall, aber ich sehe es als ein ganz kleines Signal, dass doch viel mehr möglich ist, als wir alle denken.

Vor kurzem hatte ich ein sehr inspirierendes Gespräch mit dem Geschäftsführer von Rotauf. Vor einigen Wochen habe ich ihr Crowdfunding unterstützt und ihn nun persönlich kennengelernt. Lokal, nachhaltig und verantwortungsvoll zu produzieren braucht viel Kreativität, Geduld und Überzeugungskraft. Und es ist möglich. Diese Initiative ist nur ein von den vielen verantwortungsvollen Geschäftsideen, die gerade in die Tat umgesetzt werden.

Wichtig ist, dass wir sie wahrnehmen und wichtig ist auch, dass wir sie unterstützen. Dies können wir alle tun, indem wir achtsamer konsumieren und uns die Zeit dafür nehmen, gute (Kauf-) Entscheidungen zu treffen. Gut für uns und gut für unsere Umwelt.

Was wäre, wenn es irgendwann wieder ganz normal ist, dass unsere Möbel zeitlos schön sind und uns unser Leben lang begleiten. Was wäre, wenn es selbstverständlich ist, dass unsere Kleidung vor unserer Haustür produziert wird und wir mit dem Geld, welches wir für diese Dinge ausgeben, Arbeitsplätze in unserer unmittelbaren Umgebung finanzieren?

Utopie? Zu teuer? Zu kompliziert?

Nein, es ist nur noch nicht überall angekommen, dass es auch anders gehen kann.

Werbung in der Stadt finde ich weiterhin nicht so optimal. Ein paar schöne Kunstwerke, ein paar Bäume und Pflanzen, wäre mir persönlich viel lieber als Plakate, die zu irgendeiner Form von Konsum auffordern. 

Doch heute morgen bin ich für einmal dankbar für die Plakate, denn sonst hätte ich vielleicht verpasst, dass sich Dinge gerade Schritt für Schritt zum Positiven verändern.

Suffizienz und Lebenskunst

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Mit Beginn des Sommers habe ich das Schreiben unterbrochen, und diesen Blog für einen kleinen Augenblick ruhen lassen. Nun, nach den Sommerferien, die ich im Jura, im Tessin und in den Bündner Bergen verbracht habe, beginne ich wieder Freude daran zu bekommen, Gedanken in Worte zu fassen. Somit beginne ich langsam wieder mit dem Schreiben und schaue, wohin es mich führt.

Obwohl ich in einem früheren Beitrag schon einmal das, was ich mit Suffizienz verbinde, erläutert habe, möchte ich an dieser Stelle nochmals beleuchten, wieso für mich und mein Handeln die Suche nach einem suffizienten Lebensstil so wichtig ist.

Eigentlich gibt es viel schönere Worte, um das, was ich mit dem Wort Suffizienz ausdrücken möchte, zu beschreiben.

Genügsamkeit, das rechte Mass, Entschleunigung, Demut sind einige dieser Worte. Ich benutze sie gerne, höre sie jedoch selten. Dies liegt vielleicht daran, dass sie für manche Menschen einen noch schlechteren Ruf als Suffizienz haben. Ich werde in den nächsten Sätzen versuchen zu erläutern, warum ich diese Worte und die damit verbundenen Werte und Handlungsweisen so erstrebenswert finde.

Suffizienz steht gemäss Wikipedia für ein Leben und Handeln mit möglichst wenig Ressourcenverbrauch. „Sufficio“ hat im Lateinischen verschiedene Bedeutungen und wird häufig mit „genügend, ausreichend“ übersetzt. Eine weiter Bedeutung ist jedoch auch: „jemanden als Ersatz benennen, ersetzen“. 

Für mich selber ist das Forschen nach einem Ersatz, und damit meine ich die Suche nach einer besseren, verantwortungsvolleren Weise des Handelns oder des Konsumierens eine Art Lebensauftrag. Es ist einer der für mich wichtigen Schlüssel für gutes Leben.

Ich versuche, mich bei den Dingen, die ich tue, die ich konsumiere, die ich sage, immer wieder zu fragen: 

Gibt es eine bessere Art für mein Handeln?

Und mit besser meine ich etwas, das besser ist für mich und mein Wohlbefinden und für alles, was von meinem Handeln beeinflusst wird. Ich meine damit ein Handeln, welches der Umwelt nicht schadet und keinem anderen Wesen Leid zufügt.

Weniger ist mehr – das ist das Losungswort zum Eintritt in die Welt der Suffizienz. Ich geniesse es mich auf das zu konzentrieren, was ich wirklich brauche und benutze. Damit bin ich nicht alleine. Inzwischen scheint es überall Ratgeber, Bücher und Online Foren zu geben, die sich mit dem Reduzieren und Vereinfachen des Lebens beschäftigen. Eine kurze Suche bei Ecosia ergibt Lesestoff für mehrere Tage und auch die Webeite Utopia ist mit ihren Artikeln immer wieder ein inspirierender Ausgangspunkt für die Recherche im Netz.

In Bezug auf einen Aspekt des Lebens bedeutet Suffizienz für mich genau das Gegenteil von „weniger ist mehr“ und hier beginnt die Lebenskunst, das gute Leben für mich. Je mehr ich reduziere, desto mehr Zeit habe ich. 

Zeit haben heisst frei entscheiden zu können, wofür ich meine Zeit nutze. Dies ist für mich unendlich wertvoll. 

Die Zeit für ein gutes Gespräch haben.

Zeit mit Menschen verbringen, die mich inspirieren.

Singen, Lachen, Tanzen…

Ein gutes Buch lesen.

Meine Gedanken in Worte fassen.

In der Natur sein.

Diese Dinge sind mir wichtig.

«Weniger ist mehr» bedeutet, dass ich an vielen Stellen immer weniger Geld ausgebe. Somit bin ich auch immer weniger abhängig davon, Geld verdienen zu müssen. Natürlich bin ich noch sehr weit davon entfernt, mein Geld so zu erwirtschaften, wie es Tim Ferris mal vor einigen Jahren in seinem Buch „Die 4 Stunden Woche“ beschrieben hat. Seine Vorstellung vom guten Leben ist irgendwie doch etwas anders als meine. Dazu arbeite ich wohl auch viel zu gerne und ich bin auch nicht sicher, ob das Vorgehen, so wie er es beschreibt für mich wirklich erstrebenswert ist. Und doch, ich habe das Buch gerne gelesen, es hat mir damals wichtige Impulse für meinen eigenen Weg gegeben. 

Ein Job, mit dem ich Wirkung erziele und meine Visionen vom verantwortungsvollen Leben mitgestalten kann, ist mir wichtig. Auch dafür brauche ich Zeit. Also habe ich mich auf die Suche gemacht und begonnen mein Leben so zu gestalten, wie es mir gut tut.

Dass dies dazu geführt, dass ich immer weniger brauche, ist in manchen Lebensbereichen eher Zufall, das gebe ich zu. Vielleicht ist es aber auch einfach eine wichtige Bedingung für ein gutes Leben: Immer nur das, was wir wirklich brauchen, für uns selber zu beanspruchen und alles andere dort lassen, wo es ist, statt unser Leben damit zu überfüllen.

Im Fluss der Worte und Gedanken

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Beim Schreiben kann ich mich verlieren. So wie ich mich im Gespräch mit Freunden am Feuer oder beim Tee und auch beim gemeinsamen Kochen regelmässig in den unterschiedlichen Themensträngen und Situationen verliere. Wir folgen gemeinsam in unseren Gesprächen diesem Gedanken, jenem Impuls oder einem Gefühl und landen an ganz anderen Stellen, als wir zu Anfang erwartet haben.

Im Gespräch weben wir einen gemeinsamen Teppich aus Gedanken und Gefühlen. Wir gehen miteinander in Beziehung. Wir zeigen uns. Wir tauschen uns aus. Wir lernen uns kennen. Wir lernen. voneinander und miteinander.

Schreiben ist für mich etwas, um die Zeit zwischen den Gesprächen und Begegnungen zu überbrücken. Ich versuche meine Gedanken und Gefühle in einem Text zu erfassen, um jenen, mit denen ich gemeinsam auf dieser Reise des Lernens, des Lebens bin, mit Worten mitzuteilen, was mich bewegt. Das ist schwierig. Zum einen droht beim Schreiben ständig die Gefahr, missverstanden zu werden. Zum anderen besteht Kommunikation nicht nur aus Worten. Es gehört so viel mehr dazu. 

In meinem Schreiben schwingt immer der Wunsch mit, dass auch der Faden meiner Worte, die Fäden der damit verknüpften Gedanken, an irgendeiner anderen Stelle weiterverwoben werden. Ich muss gar nicht wissen, wie und wo. Was nützt es mir zu wissen, was da gerade an einem anderen Platz auf der Welt mit meinen Impulsen geschieht? Sie dürfen sich weiterentwickeln, vielleicht müssen sie dies sogar. Vielleicht ist das Weiterentwickeln durch andere der eigentliche Sinn und Zweck davon, Gedanken in Worten festzuhalten. Denn ich habe ja mit meinen Gedanken, Gefühlen und Beobachtungen nur ein ganz kleines Puzzlestück der Wahrheit in meiner Hand. Wer weiss schon, wo genau dieses Puzzlestück hingehört, an welcher Stelle es hilft, ein Bild entstehen zu lassen, etwas sichtbar werden zu lassen, miteinander in Beziehung zu gehen. 

Mit dem Schreiben gebe ich meine Wahrnehmung der Wahrheit in die Welt. Wenn wir alle unsere Sichtweisen, unsere individuellen Wahrheiten miteinander verknüpfen, entsteht Weisheit. So stelle ich mir das auf jeden Fall vor. Weisheit ist etwas, was nicht alleine entsteht. Keine einzelne Person kann, ohne in Resonanz mit anderen Menschen und auch der Natur zu sein, Weisheit kreieren. Weisheit ist ein Produkt zwischenmenschlicher Resonanz. Sie entsteht im Austausch miteinander. Vielleicht ist es sogar so, dass Weisheit etwas ist, dass wir nur in Beziehung mit anderen aushandeln können. 

Wie gesagt, beim Schreiben kann ich mich verlieren. Und doch ist es kein wirkliches Verlieren. Ich biege ab, folge einem Nebenpfad. Ich erforsche einen neuen Weg, den ich noch nicht kenne und irgendwann kehre ich wieder zurück auf den Hauptweg. Unterwegs habe ich neue Sichtweisen, neuen Gedanken und neue Welten entdeckt.

So stelle ich mir gutes Lernen vor. So stelle ich mir das Entstehen von Weisheit vor. Weisheit, welche in der aktuellen Zeit so wichtig ist, um die Welt achtsam und verantwortungsvoll zu gestalten.

Lernen bedeutet für mich, immer wieder die Nebenwege, neue Wege zu erforschen, zu erfühlen, um dann doch immer wieder auf den Pfad zurückzukommen, welcher zum Ziel führt, das ich mir irgendwann einmal bewusst oder unbewusst für dieses Leben gesetzt habe. Ein Ziel, welches wir alle auf ganz unterschiedliche Art und Weise anstreben: Ein gutes Leben zu führen. Nur was genau ist gutes Leben?

Viele Erwachsene haben das Gefühl, dass das Lernen beendet ist, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben. Viele begeben sich in einen Job und denken, nun sind sie fertig mit Lernen. Dabei sollte unser Lernen doch lebenslang andauern und nicht mit dem Ende irgendeiner Schule aufhören.

Im Leben geht es ums Erfahren und ums Lernen. Ich selber habe verschiedene Ausbildungen absolviert und diverse Hochschulabschlüsse erworben. Ich habe Jobs angenommen und war der Meinung: Jetzt kann und weiss ich alles. Ich dachte, ich bin auf dem richtigen Weg, weiss ich aber, dass dies Nebenwege waren, die mir ermöglichten, Wissen und Erfahrung zu sammeln. Der eigentliche Unterricht geschieht im Alltag, das eigentliche Lernen ist niemals zu Ende.

In den sozialen Medien sind Memes, eine Kombination von Bild und Text, sehr verbreitet. Manche verwenden Sprüche, die ich schon früher in Ausbildungen gelernt und vor langer Zeit in Büchern gelesen habe. Auf einen dieser Sprüche bin ich gerade heute wieder gestossen. Woher er genau kommt und was die Quelle ist, weiss ich nicht. Mich berührt er, wann immer er mir über den Weg läuft. Dieser Spruch lautet so:

Bedeutendes spirituelles Wachstum findet nicht statt, wenn du am Meditieren oder auf deiner Yogamatte bist. Es findet statt, wenn du dich in der Mitte eines Konfliktes wiederfindest. Es findet in dem Moment statt, wo du wütend, ängstlich, traurig oder frustriert bist, in deine alten Muster fällst und das tust, was du schon immer getan hat. 
In dem Moment, in dem du realisierst, dass du nicht genau so handeln musst, wie du immer gehandelt hast, in dem Moment in dem dir auffällt, dass du auch anders handeln kannst, als du es bis jetzt getan hast, in dem Moment tritt das Wachstum ein.

Manche nennen diese Momente Erleuchtung. Ich beschreibe es für mich so, dass ich in diesem Moment einfach von einem Nebenpfad wieder zurück auf meinen Weg komme und durch mein Lernen, meine vermeintlichen Umwege, nun zusätzliche Handlungsweisen gelernt habe und anwenden kann.

Das Umfeld, in welches wir hineingeboren wurden, bestimmt die Vorstellung vom guten Leben. Für sehr viele, und dies vergessen wir immer wieder, ist das Ziel einfach nur etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, den Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, sicher zu sein. Andere treibt die Vorstellung vom Bewahren oder auch Erweitern des eigenen Besitzes an. Und für manche ist es der Kampf für Klima und Umwelt, für den es sich einzusetzen lohnt. Jede und jeder von uns hat ein kleines Puzzlestück der grossen Wahrheit. Jede und jeder von uns hat hierzu eine eigene Sichtweise.

Was wäre, wenn wir uns alle bewusst wären, dass niemand die Wahrheit alleine besitzt und wir uns auf die Suche und auf den Weg begeben müssen, um diese Wahrheiten zu einer Weisheit zusammenzufügen?

Vielleicht würden wir eine neue Form von Schule und Unterricht erfinden. Eine Form, in der wir unser tägliches Leben als die Lektionen ansehen können. Eine Form, in welcher wir gleichzeitig Lernende und Lehrende sind.

Das ist zu kompliziert, das wird nicht funktionieren, sagen mir viele. Es ist vielleicht komplex, aber nicht wirklich kompliziert. Die Herausforderung liegt darin, dass wir bewusst unsere Zeit damit verbringen, das Leben zu erfahren und zu begreifen, das Leben zu erspüren und zu erfassen. Wir müssen uns dazu entscheiden, miteinander zu lernen und zu forschen.

Wie eingangs gesagt, beim Schreiben verliere ich mich manchmal. 

Heute habe ich mich in meinen Gedanken zu einem Leben als Schule verloren. In dieser Schule gibt es Raum für Kunst und gemeinsames Musizieren, es gibt Fächer zur Alltagsgestaltung und gesunden Lebensführung. Es gibt all das, was wir gerade brauchen, um das im letzten Blogbeitrag erwähnte «neue Normal» zu gestalten und zu erfassen. Wie diese Fächer alle heissen? Keine Ahnung, denn ich kenne das neue Normal noch nicht und weiss deshalb auch nicht, welche Fächer es wirklich dazu braucht. Jeder und jede von uns kann ihr eigenes Wissen und die eigenen Gedanken und Gefühle und auch sein Nichtwissen in diese Form des Lernens einbringen.

Im Fach «gesunde Wirtschaft» würde ich wohl mit den Themenschwerpunkten «Heilsame Beziehungen zum Geld» und «Suffizienz als Lebenskunst» starten, einfach weil ich hier wahrscheinlich viel Wissen als Lehrerin einbringen kann, aber auch viel Nichtwissen als Schülerin habe. Ebenfalls spielt mit, dass mich diese beiden Themen einfach interessieren.

Mein Impuls ist, diesen doch etwas anderen Blogpost zu teilen und wer weiss, vielleicht gibt es ja noch andere, die gemeinsam an dieser Schule, die Elemente der Begegnung, mit Elementen der virtuellen Unterrichtswelt verknüpfen soll, mitzuweben.

Im nächsten Beitrag werde ich mich ausführlicher mit dem Thema «Suffizienz als Lebenskunst» beschäftigen und ich bin selber gespannt, wohin mich dieses Thema führen wird. Den Faden «Das Leben als Schule» lasse ich für den Moment los, und nehme ihn wieder auf, wenn er auf irgendeinem Wege zu mir zurückkommt.

Wie feiern wir in dieser Zeit das Wunder des Lebens und der Liebe?

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In der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai wird in vielen Kulturen das Wunder des Lebens und der Liebe gefeiert. Beltane, der Sommeranfang im irischen Kalender, Walpurgisnacht oder auch Tanz in den Mai, diese Nacht hat unterschiedlichste Namen. Da sie in unserer Region in einen arbeitsfreien Tag, den 1. Mai, den Tag der Arbeit, übergeht, finden an vielen Orten lange und ausgiebige Feste statt. 

Nicht in diesem Jahr. Da Versammlungen mit über fünf Personen derzeit nicht erlaubt sind, brauchen wir eine andere Form, um die kommende Zeit zu begrüssen. Walpurgis, die am 30. April in unterschiedlichen Regionen geehrt wird, gilt übrigens als Schutzheilige gegen Pest, Husten und Tollwut. 

Mit der letzten Nacht im April beginnt in der Landwirtschaft die Zeit des Säens, des Wachsens, die Zeit der Fruchtbarkeit. Neben der Tradition des Feierns hat sich bis heute an vielen Orten das Aufstellen des Maibaums gehalten. 

Ob all die Geschichten um diese Rituale und Mythen wirklich wahr oder ob diese nur romantische Erfindungen sind, ist wiederum eine Frage, bei der ich gerne zugebe, dass ich es nicht weiss und auch nicht wissen muss. Es sind schöne Geschichten und Rituale, die ich gerne als Impulse aufnehme. Sie bestätigen und unterstreichen das, was wir in unseren Breitengraden in der Natur beobachten können. 

Hier am Walensee regnet es seit zwei Tagen und den Pflanzen kann man beim Wachsen zusehen. Die Bäume spriessen und das Leben beginnt wieder. Das ist es wohl, worauf uns  die Bräuche und Rituale hinweisen wollen, wenn wir vor lauter Geschäftigkeit vergessen, auf die Welt um uns herum zu achten. 

Vielleicht ist es ein Zufall, vielleicht auch nicht, dass nun nach dem Lockdown genau in dieser Zeit die Lockerungen beginnen, Wirtschaftsleben und eine Vielzahl von 1:1 Begegnungen werden wieder möglich. Auch hier: Ich muss nicht wissen, ob es Zufall ist oder nicht. Für mich ist wichtig, dass ich es wahrnehme, bemerke, was es mit mir macht und daraus meine Handlungen ableite. 

Mich ganz persönlich bestärkt es darin, mich auf die Aspekte der letzten Wochen zu fokussieren, die mir ein Lernen ermöglichten und die mir Hinweise darauf gaben, was verantwortungsvolles Leben und Wirtschaften bedeutet, was nun an weisem Handeln notwendig und was von mir erwartet wird.

Viele Unternehmen, die noch im Januar sehr zuversichtlich auf dieses Jahr geschaut und im sogenannten «business as usual» weiteres Wachstum geplant haben, wissen nun nicht, ob sie dieses Jahr finanziell überleben werden. Viele Menschen, die noch im Januar dachten, sie hätten einen sicheren Job, sind nun mit Arbeitslosigkeit konfrontiert.

Hinter all diesen Schicksalen stehen Menschen. Wenn ich mich in diese hineinversetze, werde ich traurig, denn ich weiss, dass ihnen eine Zeit bevorsteht, in der vieles nicht einfach sein wird. Ängste und Fragen werden aufkommen, zum Teil ganz praktischer Natur, wie zum Beispiel die Frage danach, wie die Miete, das Essen und die Ausbildung der Kinder weiter sichergestellt werden können. Hierfür braucht es Lösungen und hier sind wir alle gefragt. Es geht nicht nur um die Konsumenten, die Arbeitnehmenden, die Arbeitgebenden, die Lehrpersonen und Lernende, auch nicht um die Politiker, die wir gerne aufrufen, unsere Probleme zu lösen. Kein einzelnes dieser Segmente auch die Klimaschützer und die Multimillionäre nicht, auch keine der Gruppen, die ich noch gar nicht genannt habe, keine ist alleine verantwortlich oder kann das Problem alleine lösen.

Wir alle, jede und jeder von uns, sind auf gewisse Weise Teil des Problems und Teil der Lösung. Das Schicksal der Restaurantbesitzerin oder des Geschäftsinhabers, die mit guter Absicht bis vor kurzem Dinge verkauften, die wir eigentlich nicht brauchten und doch gerne besitzen wollten, geht uns alle etwas an. Auch für jene Menschen, deren Job davon abhing, dass wir reisen, shoppen und all die anderen Dinge tun, welche diese Wirtschaft am Laufen gehalten haben, tragen wir eine Mitverantwortung.

Wir haben diese aktuelle Gesellschaft auf dem Funktionieren einer Wachstumsmaschinerie aufgebaut, die nur weiterlaufen kann, wenn wir ständig mehr und mehr produzieren und konsumieren.

Mit Beginn der Fastenzeit Ende Februar wurde die Wachstumsmaschinerie gestoppt. Vollständig. Die scheinbar logische Konsequenz wäre nun, dass wir nach der Aufhebung des Lockdowns wieder damit weiter machen, worin wir im Februar unsanft unterbrochen worden sind. Doch dann würden wir all das, was nun sichtbar geworden ist, ignorieren. Wir würden ausser Acht lassen, dass ein Leben mit weniger Konsum genauso möglich ist und beiseiteschieben, dass es völlig ausreichend ist, wenn vom Flughafen Zürich nur 28 Flugzeuge in der Woche in die Luft steigen und unsere Umwelt belasten. Wir würden ignorieren, dass wir im Homeoffice viele Dinge genauso gut erledigen können, wie in einem Büro und darüber hinwegsehen, dass 9 von 10 Meetings, die wir in unserem Büros abgehalten haben, gar nicht stattfinden müssten oder zumindest in einer viel kürzeren und damit effizienteren Art und Weise durchgeführt werden könnten.

Werden wir unberücksichtigt lassen, dass wir ein Gesundheitssystem aufgebaut haben, welches nicht in der Lage war, ohne diese massiven Eingriffe in unser Leben, eine Notfallversorgung von kranken Menschen während einer Epidemie aufrecht zu erhalten? Werden wir vergessen, dass es Familien gibt, die gerade an den Rand ihrer Belastbarkeit kommen dadurch, dass sie gleichzeitig Homeschooling, ihren Job und auch noch die Paarbeziehung unter einen Hut bekommen müssen, und dies an manchen Stellen auf sehr kleinem Raum? Werden wir uns am Ende des Lockdowns noch daran erinnern, dass die Natur sich gerade schneller als erwartet erholt hat? Wir haben derzeit sauberere Flüsse und Meere, klarere Luft und weniger Lärmbelästigung als sonst um diese Jahreszeit. 

Werden wir ignorieren, dass wir unsere Eltern und Grosseltern in den Pflege- und Altersheimen nicht mehr besuchen konnten und ausblenden, wie sehr uns selber die Umarmungen, der Austausch mit anderen Menschen und das Leben ausserhalb unserer eigenen vier Wände gefehlt hat? Werden wir die Freiheit, die wir zur Gestaltung unserer Zeit zurückgewonnen haben, aufgeben und unseren Takt des Tages wieder durch die äusseren Zwänge bestimmen lassen?

Nun können wir das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben genau zu Beltane, zum Beginn der Sommerzeit, wieder langsam anlaufen lassen. Wir können das Leben, welches wir uns wünschen, wieder beginnen.

«You can never unlearn», damit ist gemeint: «Was wir wissen, können wir nicht mehr ignorieren». Dieser Spruch, der mich schon lange begleitet, macht mir Hoffnung, ruft mich dazu auf hinzuschauen und Verantwortung zu übernehmen.

In der Natur wird der Prozess des Wachstums begleitet vom ständigen Regulieren und Anpassen an die vorhandenen Ressourcen. Es müssen genügend Nährstoffe für alle Pflanzen und Tiere zur Verfügung stehen. Keine Art kann über die eigenen Bedürfnisse hinaus Ressourcen beanspruchen, sonst kommt es zu einem Ungleichgewicht.

Und was heisst das nun konkret für mich? Welche Schlüsse kann ich aus meiner Analyse ziehen?

Zunächst einmal lerne ich wieder genauer hinzuschauen, Zeugnis abzulegen und die Themen zu benennen. Das Problem zu erkennen ist der Anfang jeder Veränderung.

Anschliessend gilt es, in kleinen Schritten, wo immer es möglich ist, mit dem Handeln zu beginnen. Ich ganz persönlich habe durch meine Ausbildung, meine Erfahrung und meine Leidenschaft für verantwortungsvolle Geldflüsse die Möglichkeit, das Finanzsystem mitzugestalten. Damit ist meine wichtigste Aufgabe Geldflüsse zu ermöglichen, die all unsere Erfahrungen in dieser Krise berücksichtigen. Es ist meine Aufgabe mitzuwirken, dass eine Wirtschaft entsteht, die uns alle befähigt, ein Leben in Einklang mit der Natur und den vorhandenen Ressourcen zu führen. Ich habe noch keine Lösungen gefunden, aber ich weiss, dass es meine Aufgabe ist, an diesen Lösungen mitzuwirken,

Ganz konkret bedeutet dies für mich verantwortungsvoll einen Platz einzunehmen, an dem ich aktiv etwas zu einer Entwicklung in diese Richtung beitragen kann.

Ich denke, das ist gerade jetzt die Hauptaufgabe für jeden von uns: Sicherzustellen, dass wir an der Stelle wirken, an der wir all unsere Erfahrungen einbringen können. Mit «Stelle» meine ich nicht nur diejenige in der Arbeitswelt. Gerade jetzt in diesem Moment brauchen wir auch äusserst dringend ganz viel andere Dinge. Wir müssen die Gemeinschaft pflegen, menschliche Nähe geben, zuhören und einfach nur da sein. Wir brauchen Kunst, Musik und Schönheit, die Freude am Leben bringen. Dies sind Dinge, welche wir im Alltag häufig vergessen. Aber sie sind umso wichtiger, vielleicht noch wichtiger als die verantwortungsvollen Geldflüsse, denn Geld können wir nicht essen. Es ist immer nur Mittel zum Zweck. 

Damit komme ich zu einem zweiten Schritt, mit dem ich ganz persönlich zu einer positiven Entwicklung beitragen kann. Ich glaube fest daran, dass in einer verantwortungsvollen Gesellschaft die Grundbedürfnisse von jeder und jedem gedeckt sein müssen. Egal ob Künstler, Managerin, Lehrer, Ärztin oder Pfleger. Diese Basis für ein gutes Leben, die uns eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit verschafft, brauchen wir alle. Das bedingungslose Grundeinkommen ist noch nicht etabliert. Selbstversorgende Dörfer und Städte gibt es noch immer sehr wenige. Daran müssen wir in den kommenden Jahren arbeiten. All jene, die im Moment mehr haben, als sie zum Leben brauchen können in ihrem direkten Umfeld persönlich im Kleinen mit der Umsetzung starten und an Initiativen wie «Together now» und «Mein Grundeinkommen» teilnehmen. Wir können aber auch unserer Coiffeuse, dem Yogalehrer oder auch anderen Dienstleisterinnen und Dienstleistern Gutscheine für zukünftige Leistungen abkaufen, oder noch besser, ihnen mehr bezahlen als sonst. Wir können ein Projekt eines Musikers, eines Künstlers oder eines anderen Menschen, eine Monatsmiete übernehmen oder ein Jahresabo für Biogemüse schenken. Mit dem Jahresabo tun wir übrigens auch noch dem Bauern aus der Region etwas Gutes, der ja in den letzten Wochen keine Möglichkeiten hatte, seine Waren auf dem Markt zu verkaufen. 

Die wichtigste Frage an mein Gegenüber ist derzeit bei jeder Begegnung: «Was brauchst du?» Und das ist manchmal etwas ganz anderes, als wir denken. Es ist wichtig, dass wir alle immer wieder diese Frage an die Menschen, die unter dieser Krise noch mehr leiden als wir, stellen.

Ich selber unterstütze mein direktes Umfeld, da ich das Gefühl habe, hier kann ich am meisten bewirken. Es gibt unendlich viele Gelegenheiten etwas im Rahmen der eigenen Möglichkeiten zu bewegen.

Im Sinne des Buches von Rob Hobkins, dem Gründer der Transition Bewegung geht es darum jetzt zu starten. Einfach. Jetzt. Machen!

Was genau ist denn bitte nun normal?

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Ich sitze in Quinten auf der Terrasse und beobachte die Natur um mich herum. Heute Nacht hat es endlich geregnet und die Bäume und Sträucher nutzen dies, um in einen Wachstumsschub zu gehen. Die Feigen sind schon fast baumnussgross und an den Reben spriessen bereits die Blütenstände. 

„Das ist doch nicht normal!“ denke ich, „Das ist doch viel zu früh!“ und „Hoffentlich kommt nicht noch Frost!“ sind die weiteren Gedanken, die in mein Bewusstsein treten.

Als nächstes nimmt sich die Frage, die ich mir selber und vielen anderen gerade immer wieder stelle, laut und unübersehbar ihren Raum:

Was genau ist denn bitte nun normal?


Wie im letzten Blogbeitrag versprochen, verwebe ich die Fäden von Nichtwissen und Suffizienz in den kommenden Wochen in meine Beiträge. Manchmal werden diese dem Beitrag eine deutliche Färbung geben, manchmal werden sie als leise Musik im Hintergrund einen Klangteppich legen.

Ich habe in der NZZ vom 19. April 2020 ein Interview mit der Virologin Karin Mölling gelesen. Die Überschrift dieses Artikels lautet:

«Woher wissen denn allein Virologen, was richtig ist? Wir wissen vieles nicht. Leider»

Es entspannt mich sehr, das Nichtwissen überall um mich herum zu erleben. Dies scheint ein Widerspruch in sich zu sein. Nichtwissen und Entspannung – ist dies überhaupt miteinander vereinbar?

Wollen wir nicht eigentlich alles wissen? Wollen wir nicht immer alles verstehen und anschliessend auch noch vollständig kontrollieren? Wer denkt nicht selber oft: „Ich muss dies oder jenes unbedingt verstehen, sonst bin ich nicht handlungsfähig“. 

Die letzten Wochen haben mich gelehrt, wie entspannend das Nichtwissen ist, wenn es benannt ist und wenn ich es als eine Art Naturgesetz für mein Leben akzeptiere. Mir wird immer deutlicher, ich kann nur Wahrscheinlichkeiten abschätzen und Hypothesen aufstellen, für all das, was in meinem Leben und in der Welt in Zukunft passieren wird. Ein definitives Wissen habe ich nur über die Dinge, die in meiner Vergangenheit passiert sind. Aber auch hier gilt, dass wir unseren Erinnerungen nicht immer glauben schenken können. 

Ein wichtiger Aspekt dessen, was von nun an für mich normal sein wird, ist, dass ich in vielen Bereichen meines Lebens den Faktor Nichtwissen mitberücksichtigen muss, wenn ich die Zusammenhänge wirklich verstehen möchte.

Um beim Eingangsbeispiel des Feigenbaumes und des Weins zu bleiben, auch wenn es mir so vorkommt, in Wirklichheit und Wahrheit habe ich keine Ahnung, ob sie nun zu früh in Blatt und Blüte stehen. Sie haben einfach auf das reagiert, was die äusseren Bedingungen ihnen anbieten. Im Herbst wissen wir mehr.

Auch die Philosophie, welche hinter dem Begriff Suffizienz und hinter der Suffizienzpolitik steht, scheint mir sehr hilfreich zu sein, um eine ganz eigene „neue Normalität“ zu finden und zu erforschen. Die Fragen „Was ist genug?“ und „Was sind meine Grundbedürfnisse?“ sind dazu zwei wunderbare Leitplanken.

Übrigens, der im letzten Blogbeitrag erwähnte Satz auf den Anzeigen der SBB Tafeln hat inzwischen einen neuen Wortlaut. Neu lautet der Text nun: «Der Verkehr wurde auf ein Grundangebot reduziert“. Vorher lautete der Text: „Der Verkehr wird schrittweise auf ein Grundangebot reduziert “. In diesem Bereich kann jede und jeder in der Schweiz gerade prüfen, wie gut er und sie mit dem, was die SBB als Grundbedarf definiert hat, leben kann.

Für mich bedeutet diese aktuelle Anpassung auf meinen zwei wichtigsten Strecken ganz Unterschiedliches. Auf der einen Strecke wird mir ein 30-minütiger Spaziergang durch den Wald ermöglicht, denn die Haltestelle, welche ich bisher benutzt haben, gilt als touristische Erschliessung und wird derzeit nicht bedient.

Für die zweite Strecke muss ich nun unterwegs 30 Minuten Zwischenaufenthalt einkalkulieren, da der bisherige Anschlusszug nun sehr knapp, laut Fahrplan gar nicht erreichbar ist.

Im Austausch dafür kann ich in angenehm leeren Zügen reisen und habe überraschenderweise wieder mehr Kontakt und Gespräche mit Mitreisenden – natürlich unter Wahrung des notwendigen Abstandes.

Und was verliere ich? Manch einer oder eine würde nun sagen, dass ich 30 Minuten verliere. 

Bei der ersten Strecke ist dies mit Sicherheit nicht der Fall, denn der Weg nach Hause durch den Wald ist derzeit bei diesem Wetter und in dieser Jahreszeit ein Gewinn, ein Geschenk. Und wenn es dann irgendwann wieder regnet oder gar stürmt? Wer weiss, ob dann der Fahrplan immer noch der gleiche ist. Die SBB schreibt auf ihrer Webseite: „Nach der Ankündigung des Bundesrates zur Lockerung der Corona-Massnahmen wird ab dem 27. April auch der Bahnbetrieb schrittweise zurück zum regulären Fahrplan geführt.“ Also geniesse ich es, solange es anders nicht möglich ist, um dann in ferner Zukunft nur noch bei wirklich schlechtem Wetter oder Dunkelheit bis zur wohnungsnahen Station weiter zu fahren, denn wer hindert mich daran, die lieb gewonnene Angewohnheit eines 30-minütigen Spaziergangs auch nach Wiedereinführung des regulären Fahrplans beizubehalten? Das einzige, was mich stoppen könnte, wäre meine ganz persönliche Bequemlichkeit oder dann meine Unachtsamkeit, wenn ich es verpasse, eine Haltestelle vor der Endstation auszusteigen.

Zumindest bei der zweiten Strecke stimmt es auf den ersten Blick, dass ich Zeit verliere. Nun ja, ich brauche eine halbe Stunde länger, aber die Zeit ist ja nicht verloren.

Es ist ein offenes Geheimnis: Zeit können wir gar nicht verlieren.  Wir haben an jedem Tag gleichviel Zeit: 24 Stunden = 1‘440 Minuten = 86‘400 Sekunden. Diese 86‘400 Sekunden sind während unseres gesamten Lebens täglich aufs Neue da. Ein Verlieren ist nicht möglich. 

Das, was passieren kann und auch sehr regelmässig passiert, ist, dass wir Zeit mit etwas verbringen, was wir in dem Moment gar nicht tun sollten oder wollten. Wir lassen uns ablenken, wir tun etwas, wozu wir eigentlich gar keine Lust haben. Dafür können wir niemand anderem die Schuld geben. Es ist unsere ureigene Entscheidung, was wir in jeder einzelnen Sekunde tun. Niemand zwingt uns zu irgendwas. Wir selber entscheiden. Es gehören zu jedem Tag auch Dinge, die wir vielleicht nicht so gerne tun. Diese Dinge kennt jeder und jede von uns. Und doch entscheiden wir uns aus den unterschiedlichsten Gründen sie zu tun.

Zum Beispiel entscheiden wir uns, die Zimmer zu putzen oder den Müll hinauszubringen, weil wir gerne in einer sauberen Wohnung wohnen. Wir gehen ins Büro, in die Werkstatt oder ins Atelier, weil wir uns dazu entschieden haben, eine bestimmte Tätigkeit zu verrichten. In all diesen Fällen könnten wir uns auch anders entscheiden. Wir müssen einfach nur mit den Konsequenzen der Entscheidungen leben, unseren Lebensstil anpassen oder unsere Lebensträume hinterfragen. Dies ist zugegebenermassen nicht immer ganz einfach, und doch ist es möglich und auch machbar.

Nun, da ich weiss, dass ich eine halbe Stunde Zeit auf einem Bahnhof mitten im Nirgendwo einplanen muss, darf ich mir die Frage stellen: „Wie möchte ich diese Zeit verbringen?“ Denn diese Zeit ist nicht verloren, sondern sie möchte gestaltet werden. Meine Kreativität ist gefragt. Manchmal nutzte ich diese gewonnene halbe Stunde zum Lesen, manchmal nutze ich die Zeit, um Ideen für meinen Blog zu entwickeln und manchmal beobachte ich einfach, wie der Fluss fliesst.

In diesem Zusammenhang noch zwei Dinge:  Zum einen rechne ich selber für mich nicht in Sekunden und wenn ich meinen Tag frei gestalten kann, rechne ich noch nicht einmal in Stunden. Ich folge dem Fluss der Dinge, die ich tun mag und die gerade zu tun sind. Und irgendwie sind am Abend in der Regel all die wirklich wichtigen Dinge erledigt. Da gerade im Aussen so viele Dinge wegfallen, mit welchen ich mich noch vor einiger Zeit beschäftigt habe, geschieht dies noch viel häufiger als sonst. Dies ist ein weiteres wunderbares Geschenk.

Und zum anderen, und auch hier verrate ich kein Geheimnis: Zeit können wir nicht aufsparen. Alles, was auf meinem persönlichen Zeitkonto für heute zur Verfügung steht, kann ich nur heute abbuchen.

Wenn ich mir etwas für unsere neue Normalität wünschen darf, ist es, dass wir uns des Geschenks der Zeit bewusstwerden, und uns deren Vergänglichkeit bewusst vor Augen führen.

Was wäre, wenn wir alle den Zeitpunkt unseres Todes kennen würden? Der belgische Film «Das brandneue Testament» aus dem Jahr 2015 nimmt diese Idee auf. Vor ein paar Tagen habe ich ihn mal wieder angeschaut. Eine spannendes Gedankenexperiment, welches uns auf nachdenklich-komische Weise mit unserer Endlichkeit konfrontiert. Welche der Dinge, die uns noch zu Beginn dieses Jahres als normal erschienen, würden wir weitermachen? Welche sofort beenden?

Die letzten Wochen haben vielen von uns deutlich gemacht, dass ein entschleunigter Lebensstil Raum zum Nachdenken lässt, darüber was wir wirklich brauchen und was der Natur und unserer Umwelt guttut. 

Wir haben die Freiheit, aus den vergangenen Wochen zu lernen. Das Lernen wird für jede und jeden von uns ein unterschiedliches sein. Und das ist auch wichtig und gut. Das einzige, was uns vom Lernen abhalten kann, sind wir selber.

Damit bin ich nun wieder am Anfang des Blogeintrags angekommen. Ich bin zurück zu der Frage: 

Was genau ist denn bitte nun normal?


Normal ist wohl jedes Mal etwas anderes. Es ist das, was am besten zur Situation passt, in welcher ich mich gerade befinde. Die Natur macht es vor. Die äusseren Umstände, insbesondere die aktuelle Wärme lässt sie früher ins Wachstum gehen, als ich es vermutet hätte. Ob dies richtig oder falsch war, wissen wir noch nicht. Erst wenn wir im Jahreskreis weiter sind, werden wir wissen, ob es nochmals kalt geworden ist, ob die zarten Sprossen den Frühling, in dem wir uns jetzt gerade befinden, überstanden haben. 


«Erst wenn wir im Jahreskreis weiter sind, werden wir wissen…», dieser Satz lässt sich auch auf die Veränderungen durch die Coronakrise anwenden: Ob die positiven Auswirkungen auf Natur und Klima und zum Teil auch auf unseren Lebensstil sich weiter festigen lassen, werden wir erst mit einem gewissen Abstand feststellen.

Im Gegensatz zu den Abläufen in der Natur haben wir hier aber die Möglichkeit, den Lauf der Dinge zu beeinflussen und eine neue, lebenswerte und verantwortungsvolle Normalität zu erschaffen.

Jeder Abschluss ist gleichzeitig ein Beginn

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Am Ostersonntag um 10 Uhr haben am Walensee in allen Dörfern die Kirchenglocken geläutet. Die wenigen Schiffe auf dem See standen überwiegend still und schienen, genau wie ich, einfach für 15 Minuten innezuhalten und zu lauschen. Stillstand. 

Diese 15 Minuten hatten für mich etwas Heiliges. Ein grosses Geschenk und irgendwie habe ich das Gefühl gehabt, es fühlt sich an wie ein Versprechen. Ein Versprechen von mir an mich selber. Und der Abschluss dieser Fastenzeit.

Ostern hat in den unterschiedlichsten Kulturen die unterschiedlichsten Bedeutungen. Die Essenz dieses Festes ist für mich das Wissen um den Neubeginn. Ob nun aus der christlichen Tradition heraus oder aus einer anderen betrachtet, immer geht es um den Neubeginn. Um die Möglichkeit nach einer Phase, die herausfordernd war, zu wachsen. In der christlichen Tradition feiern wir die Auferstehung. Im Jahreskreis ist es die Rückkehr des Frühlings, des Wachstums, der zur Fülle führt.

Der Abschluss dieser Fastenzeit 2020 ist für mich etwas besonderes. Da sich im Leben jedes einzelnen Menschen, den ich kenne, in den letzten 40 Tagen so viel verändert hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass es für mich ein Zurück in die alten, nicht immer förderlichen Verhaltensweisen geben kann. Diese Fastenzeit war so eindrücklich, auf so vielen Ebenen einschneidend, da kann es für mich gar kein Zurück zum Normalzustand geben. Mal abgesehen davon, dass ich weder das Leben, welches wir als Gesellschaft in den letzten Jahren geführt haben, für normal halte noch, dass ich wirklich dorthin zurück möchte. In meinem Umfeld höre ich keine Stimmen, die sagen: „Ich will dahin zurück, woher ich komme“. Vielmehr höre ich von den unterschiedlichsten Seiten: „Nun habe ich wieder Zeit für die Dinge und Menschen, die mir wirklich wichtig sind.“ Und viele bemerken auch, wie gut es tut, innezuhalten und sich auf das Wesentliche zu besinnen. 

Viele sehen sich in ihrem privaten Umfeld mit grossen Herausforderungen konfrontiert, seien es kranke Familienangehörige oder Freunde, sei es die Ungewissheit, wie sich das Leben weiterentwickeln wird. Ich erlebe viel Unterstützung und Kreativität, erlebe, wie Menschen wieder beginnen einander zu fragen, was sie gerade brauchen. Ich beobachte, wie wir zurückgeworfen werden auf unsere unmittelbare Gegenwart, auf das, was direkt um uns herum geschieht. Viele kochen wieder mehr. Sie backen ihr Brot wieder selber. Statt zum Supermarkt gehen sie zum Bio-Bauern. Sie denken und handeln wieder lokal und regional. Viele achten wieder mehr auf die Gesundheit.

Meinrad hat in der Karwoche zu verschiedenen Themen in seinen Beiträgen Stellung genommen. Dies nehme ich zum Anlass diese Themen auch nochmals für mich zu reflektieren, um damit diese intensive, unerwartet verlaufende und doch auf so ganz verschiedenen Ebenen nährende Fastenzeit sowie mein Schreiben im Kontext von „Fasten-Nachhaltig 2020“ abzuschliessen.

Wie schon gesagt, werde ich auf meinem Blog SeelenBilderGeschichten weiterschreiben, jedoch das Thema Geld und Fasten als roten Faden fallen lassen und mich mehr dem Thema, des Nichtwissens, dass ich hier kurz behandelt habe, widmen. Wie kann die Chance zum Umdenken, für den Beginn einer neuen verantwortungsvollen Art zu leben, genützt werden? Was bringt die aktuelle Entwicklung, was bringen die Massnahmen rund um Corona mit sich, diesen Fragen möchte ich in Zukunft vertieft nachgehen. 

Auf den Anzeigetafeln der SBB war in den letzten Tagen immer wieder zu lesen: „Wir passen unser Angebot der Grundversorgung an“. Jedes Mal, wenn ich diesen Satz sehe halte ich inne. Wie oft in den letzten Jahren habe ich mir gewünscht, dass die Suffizienz ihren angemessenen Ort in unserem Leben bekommt. Wir haben längst mehr als genug, um allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Nur leider ist all das, was es dazu braucht, an vielen Stellen ungerecht verteilt. Ein paar wenige haben von allem viel zu viel, einige haben genug und viele, viele andere haben viel zu wenig. Eine Welt, in der für uns alle, wirklich alle, die Grundversorgung gesichert ist, das ist etwas, wofür ich schon seit Jahren wirke und webe. Dieses Ziel erscheint nun ganz plötzlich viel realistischer und machbarer als noch vor wenigen Wochen.

Mit Beginn dieser Fastenzeit, begann auch die Phase, in der die Massnahmen rund um Corona unser aller Leben bestimmen. Wir verzichteten auf vieles, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben. Viele Dinge in meinem Leben habe ich weit über meine Grundbedürfnisse hinaus genutzt. Nur in der Fastenzeit, wenn ich bewusst Verzicht übe, bemerke ich, dass ich mir von vielem unachtsam mehr nehme, als ich wirklich brauche. Leider wird mir nur in dieser Phase des  Fastens richtig bewusst, wie sehr auch ich, die sich selber für recht nachhaltig und verantwortungsvoll hält, über meine Verhältnisse lebe, was zu Lasten anderer geht.

Indem ich nun die Brücke zu jenen Beiträgen, welche Meinrad in dieser Woche verfasst hat, schlage, schliesse ich diese Fastenzeit für mich ab.

Palmsonntag – das Leben ist hart

In seinem Beitrag „das Leben ist hart“ spricht Meinrad davon, dass wir das Leiden brauchen, um zu lernen. Die schwierigen Phasen im Leben sind jene, die uns wachsen lassen. Am 5. April, dem Erstellungsdatums dieses Beitrags, begann die Karwoche, welche in der christlichen Tradition dem Leidensweg Christi gewidmet ist, eine Woche, die sich wie keine andere im Kirchenjahr mit dem Leiden beschäftigt. 

Schon mehrfach habe ich in Blogbeiträgen meine Vorliebe für vermeintlich altmodische, zum Teil aus unserem täglichen Wortschatz verschwundene Begriffe gezeigt. Beim Leiden fällt mir immer wieder das Wort Hingabe ein. Im Englischen gibt es den Begriff „Surrender“, der aus meiner Sicht noch passender ist. Ich stelle mirin solchen Momenten vor, wie ich mich der Situation hingebe statt zu leiden, mit ihr fliesse, so wie das Wasser im Bach sich seinen Weg sucht. Ich hadere nicht mit der Situation, ich schaue, was sie mich lehren will. Für mich ist das Leben weder hart noch weich. Ich kann es mir schwer oder einfach machen, durch die Art, in welcher ich mit bestimmten Situationen umgehe. Manchmal ist einfaches Lernen angesagt, manchmal braucht es die Herausforderung. In diesem Sinne ist das Leiden für mich eine wichtige Komponente meiner Weiterentwicklung.

Einstieg in die Karwoche – „Ich bin nicht so wichtig“

„Ich bin nicht so wichtig“ ist Meinrads zweiter Beitrag dieser Karwoche. Schon bevor ich ihn lese, denke ich: welch weise Worte. Wichtig ist aus meiner Sicht, zu wissen, wer ich bin, zu wissen, was meine Bedürfnisse sind. Und diese Bedürfnisse dürfen wichtig genommen werden. Vor allen Dingen sollen wir sie aber in den Kontext der Bedürfnisse aller anderen Wesen und der Natur setzen. Wenn wir alle gleich wichtig sind, entsteht Balance, entsteht die Magie des guten Lebens.

Gründonnerstag – Mein Leben dreht sich nicht um mich

Wir, und damit auch unsere Blogbeiträge, nähern uns Ostern, dem Ende und dem Anfang. Ein leichtes Bedauern schwingt mit in diesem Wissen, dass diese gemeinsame Fastenreise nun bald zu Ende ist. So wie Meinrad die Erzählung der Fusswaschung bewegt, so hat sie auch mir immer wieder Impulse gegeben und mich an meinen Grundauftrag im Leben, von und mit dem ganzen Herzen zu dienen, erinnert. Meiner Meinung nach dreht sich unser Leben ums Dienen. Wieder ein altertümliches Wort, eine altmodische Tugend, ein alter Wert, aber noch immer vor allem eine wunderschöne Geste. Dem Leben zu dienen heisst zu wissen, dass alles miteinander verbunden ist. Niemand von uns ist besser oder schlechter. Keine ist höher gestellt oder von niederem Rang. Wir sind alle gleich. Und drehen uns im besten Fall im Tanz namens Leben rhythmisch miteinander und umeinander.

Karfreitag – ich werde sterben

Vor der Auferstehung steht natürlich noch der Tod, das Sterben.

Mir scheint, wir haben den Tod aus dem Leben verbannt. Im Jahr 2017 habe ich einen guten Freund, ungefähr gleichalt wie ich, durch die Krankheit in den Tod begleiten dürfen. Es fühlt sich immer noch an, als wäre er viel zu früh gestorben. Es bleibt die Frage des «Warum er?» und «Warum jetzt?». Gleichzeitig war es für uns alle, die wir an diesem Prozess Teil hatten, die Möglichkeit, den Tod und das Sterben zu thematisieren, zu benennen, die Möglichkeit, uns unsere eigenen Ängste und unsere Beziehung zum Tod anzuschauen. Im Tod liegt auch Heilung. So war es zumindest für mich. 

Meinrad schreibt in diesem Beitrag über die Folgen, die unsere Todesvergessenheit für die aktuelle Gesellschaft hat. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Mein Gefühl ist, dass wir den Tod aus dem Leben verdrängen wollten. Das geht nicht – er gehört zu uns! Und dies seit unserer Geburt. 

Corona hat den Tod zurück ins Leben gebracht. In das der einzelnen Menschen, die direkt betroffen sind, schmerzhaft und leidvoll. Aber auch für jene, die keine persönlichen Krankheitsfälle in ihrem Umfeld miterleben müssen, ist der Tod wieder präsent. Wir erinnern uns an unsere eigene Sterblichkeit und an die Verletzlichkeit.

Wer ein wenig mehr Zeit mit dem Tod verbringen möchte, dem seien als Einstieg die «Fünf Phasen des Sterbens» von Elisabeth Kübler-Ross ans Herz gelegt. Auch Vergleiche mit der Corona-Krise sind in diesem Zusammenhang erlaubt.

Karsamstag – ich habe nicht die Kontrolle

Ja, ich glaube, eine der wichtigsten Erkenntnisse im Leben ist genau dies: Wir müssen dem Leben vertrauen, denn wir haben keine Kontrolle. Dies wird uns in so vielen Situationen immer wieder aufgezeigt. «Und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt» soll schon Wilhelm Busch gesagt haben. Was mir der Karsamstag und diese gesamte Woche vor allen Dingen zeigte, war, wie wichtig Vertrauen in unserem Leben ist. Vertrauen schenken, Vertrauen geschenkt bekommen, und natürlich auch der achtsame Umgang mit diesem Geschenk. Kontrolle aufgeben und Vertrauen schenken scheinen mir zwei der Schlüsselfähigkeiten, die uns die Geschichte von Jesus und auch die Geschichte unseres eigenen Lebens lehren.

Ostern – Leben ist mehr als Überleben

Wir sind am Ende angekommen, also wieder am Anfang. Wie eingangs gesagt, feiern wir mit Ostern das Wissen um den Neubeginn. Der Kreislauf startet erneut. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir immer wieder entscheiden können, neu zu beginnen. Es ist beruhigend zu wissen, dass wir uns immer wieder für das Leben entscheiden können. 

Ostern 2020 mit all den unerwarteten Einschränkungen und Impulsen, unser Leben zu hinterfragen, gibt uns die Möglichkeit darüber nachzudenken, was Leben für uns bedeutet. Es gibt uns die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was für uns ganz persönlich der Unterschied zwischen Leben und Überleben sein mag.

Ich wünsche uns allen ein Leben in Verbindung mit allem und allen. Ein Leben in welchem wir die Bedürfnisse der Natur und anderer Menschen genauso wichtig nehmen und respektieren, wie unsere eigenen.

Ein Leben, das mehr ist als nur zu überleben.

Diese Fastenzeit, die ich hiermit beende, hat mir unerwartet viel geschenkt und mich durch eine viel intensivere Zeit des Verzichts geschickt, als ich erwartet habe. 

Ich bin zurück auf meine Grundbedürfnisse geworfen und bemerke, wie gut es mir tut, all den Ballast hinter mir zu lassen. Ich freue mich auf die Phase, die nun beginnt, auch wenn ich jetzt noch keine Ahnung habe, was da alles auf uns zukommt. 

Danke an alle, die mich durch diese Wochen begleitet haben und im Voraus herzlichen Dank an alle, die nun die Zukunft, welche uns erwartet, aus der Gegenwart heraus, achtsam, respektvoll, liebevoll und freudvoll gestalten.

Dieser Artikel ist mein letzter Beitrag im Kontext unserer Fastenwoche 2020

Was haben Bäume mit Geldfasten zu tun?

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Spontane Antwort: Je tiefer ich mich in die Auseinandersetzung mit dem Geldfasten begab, desto weniger konnte ich den Wald vor lauter Bäumen sehen. Sprichwörtlich und wirklich. Ich gehe tiefer und tiefer in die einzelnen Themen und der Gesamtüberblick scheint mir an manchen Stellen verloren zu gehen. Das Thema Geldfasten tritt in den Hintergrund. Andere Fragen und Themen wie der Coronavirus und die Weltwirtschaft nehmen sich fast unbemerkt ihren Raum. Dies vielleicht, weil einfach überall Geld involviert ist. Hinzu kommt, dass durch all die Massnahmen rund um Corona nun plötzlich vieles ganz anders ist, als ich es noch vor ein paar Wochen dachte. Die Angst vor Krankheit und Tod scheint ganz plötzlich viel relevanter, als der Erhalt unserer Geldflüsse und der Wirtschaft. 

Vieles, was ich längst geahnt hatte, wird immer mehr durch Selbstbeobachtung und Erkenntnisse bestätigt. Mein ganz persönliches Verhältnis zum Geld, mein Umgang mit Geld bestimmt fast unmerklich mein gesamtes Leben und damit beeinflusse ich auch das Leben von anderen. Meine Geldentscheidungen führen an anderen Stellen in der Welt zu verschmutzten Flüssen, zu Hunger und Leid.

Und was haben die Bäume damit zu tun?

Ich lese gerade das Buch «Die geheime Sprache der Bäume» von Erwin Thoma. Im Januar 2020 hatte ich das Glück, mit ihm ein paar Tage verbringen und seine Weisheit und sein Engagement für unsere Natur und die Bäume erleben zu dürfen. Über den Nutzen von Bäumen und den achtsamen Umgang mit ihnen möchte ich hier gar nicht schreiben. Hierzu kann sich jeder bei Erwin ThomaErnst Zürcher aber auch der mittels des Films «Das Geheimnis der Bäume» von Luc Jacquet und vielen anderen Quellen selber ein Bild machen.

Für mich ist ein Absatz aus dem Buch von Erwin Thoma besonders Augen öffnend gewesen und hat bei mir sehr viel ausgelöst:

Die Bäume verfügen über eine natürliche Intelligenz, welche sie in jedem Moment anwenden, um perfekt auf die äusseren Bedingungen zu reagieren. Bei Sturm werden mehr starke Zellen und Strukturen auf der Seite des Baumes erschaffen, wo der Druck am grössten ist. Bei Trockenheit wird mehr Wasser gespeichert, die Versorgung von nicht lebensnotwendigen Teilen des Baumes wird reduziert.

Ein Baum lebt in einem vollständigen Kreislauf – vom Erschaffen bis zum Vergehen. Alles wird genutzt, sogar die Asche vom Holz, welche beim Feuern unserer Öfen entsteht, kann uns als hochwertiger Dünger dienen.

Diesem Bild hat Erwin Thoma die Tätigkeit eines Statikers gegenübergestellt, der ein Haus, eine Brücke oder etwas anderes Langlebiges bauen soll. Der Statiker, die Statikerin muss schon vorher alles berechnen, für alle Eventualitäten Vorbereitungen treffen.

Der mögliche Sturm, das Wasser und alle weiteren Ausseneinflüsse müssen berechnet sein.

Schnell wird mir klar, dass wir in vielen Situationen, in welchen es um unsere Sicherheit geht, besonders im Umgang mit Geld, wie Statikerinnen handeln anstatt uns die intelligenten und lernfähigen Bäume als Beispiel zu nehmen.

Was wäre, wenn wir mit unseren Geldentscheidungen ähnlich situativ umgehen würden, wie die Bäume mit den Situationen, die von aussen an sie herangetragen werden? 

Geld ist ein Gut, welches aufgrund der Eigenschaften wunderbar situativ genutzt werden könnte. Wie die Säfte des Baumes, sollte es im stetigen Fluss sein, um genau dort zu den Menschen zu gelangen, wo es gerade benötigt wird. 

Mein Verzicht auf Geld ist ein Gewinn für eine andere Person an einer anderen Stelle. Aber nur, wenn das Geld im Fluss ist. 

Wenn ich weniger für mich ausgebe, kann jemand anderes den übrigen Betrag nutzen. Wenn ich weniger arbeite, ist im Unternehmen Geld vorhanden, um eine weitere Person einzustellen. Eine Bedingung dafür ist, dass das Geld stetig und bedarfsorientiert fliesst, wie das Wasser und die Nährstoffe im Baum.

Jetzt könnte natürlich der Einwurf kommen, dass die Menschen, die das Geld bekommen, damit etwas machen, was ich mir nicht wünsche. Dann würde mein Fasten einfach nur dazu führen, dass jemand anderes die Billig-Jeans, das Wegwerfprodukt kauft oder eine andere Konsumentscheidung trifft, die ich selber nie treffen würde.

Theoretisch kann das sein, aber hier ist die Selbstverantwortung gefragt. Wieder gibt es eine Parallele zum Baum: Im Baum gibt es keine zentrale Schaltstelle, jede Zelle arbeitet eigenverantwortlich. Der Nutzen des Ganzen, liegt im ureigenen Interesse aller Bestandteile des Baumes.

Ich entscheide, wohin ich das Geld gebe, welches ich selber nicht brauche. Ich habe persönlich schon vielen Menschen mit ganz kleinen Beträgen unterstützt, welche in ihrem Feld eine grosse Wirkung erzielt haben. Und ich durfte sogar grössere Beträge verwenden, um Startups für einen guten Zweck zu unterstützen. Die moderne Technik unterstützt uns hier, das zu fördern, was wir ganz persönlich unterstützen wollen (KIVAWemakeitGebana: Bauern suchen Kunden und viele mehr).

Die Ausrede «Ich weiss nicht, wohin mein Geld geht» zählt nicht mehr. Um in meinem ganz eigenen Feld zu bleiben: Die verantwortungsvollen Banken wie ABSFreie GemeinschaftsbankGLS oder auch die Global Alliance for Banking on Values und die FEBEA leisten hier einen wirkungsvollen Beitrag.

Geldfasten kann aber auch heissen, weniger arbeiten. Stimmt hier das Argument, dass ich fremdbestimmt bin und damit nicht selber und situativ über meine Geldflüsse entscheiden kann? Nein, keiner zwingt mich bei einem Arbeitgeber zu arbeiten, der zwar hohe Gehälter bezahlt, aber dies auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit tut. Und auch im Job selber habe ich Spielraum. Ich selber arbeite derzeit im Jobsharing und hoffe, dass dieses auch anderen zur Inspiration dient. Jeder und jede von uns befindet sich in ganz unterschiedlichen Lebens- und Berufssituationen und wie bei einem Baum sind auch die Aussenbedingungen bei uns ganz individuell. Daraus folgt, dass es kein Patentrezept gibt, welches bei allen Menschen anwendbar wäre. Das heisst aber auch, dass wir die Chance haben, ganz individuell und auf uns persönlich zugeschnittene Entscheidungen zu treffen. 

Die Bäume lehren uns ein Reagieren auf Ausseneinflüsse aus der Situation heraus und ähnlich stelle ich mir ein gutes Verhältnis zum Geld und den Einnahmen und Ausgaben vor.

Das Geld ist unser ganz persönliches Werkzeug, es den Bäumen nachzumachen.

Für das Entstehen eines manchmal bis zu 50 Meter hohen Baumes braucht es einen geschützten Platz, Sonnenlicht, Humus, Wasser und einen nur Millimeter grossen Samen – mehr nicht.

Der Gedanke als Mensch von den Bäumen zu lernen, wäre es Wert, weiterverfolgt zu werden. Doch führt dieser zu weit weg vom Geldfasten, daher lasse ich ihn ziehen.

Dieser Artikel ist ein Beitrag im Kontext unserer Fastenwoche 2020