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Mai 2020

Im Fluss der Worte und Gedanken

in Achtsamkeit/Mystik/Transformation/Weisheit

Beim Schreiben kann ich mich ver­lieren. So wie ich mich im Gespräch mit Fre­un­den am Feuer oder beim Tee und auch beim gemein­samen Kochen regelmäs­sig in den unter­schiedlichen The­men­strän­gen und Sit­u­a­tio­nen ver­liere. Wir fol­gen gemein­sam in unseren Gesprächen diesem Gedanken, jen­em Impuls oder einem Gefühl und lan­den an ganz anderen Stellen, als wir zu Anfang erwartet haben.

Im Gespräch weben wir einen gemein­samen Tep­pich aus Gedanken und Gefühlen. Wir gehen miteinan­der in Beziehung. Wir zeigen uns. Wir tauschen uns aus. Wir ler­nen uns ken­nen. Wir ler­nen. voneinan­der und miteinan­der.

Schreiben ist für mich etwas, um die Zeit zwis­chen den Gesprächen und Begeg­nun­gen zu über­brück­en. Ich ver­suche meine Gedanken und Gefüh­le in einem Text zu erfassen, um jenen, mit denen ich gemein­sam auf dieser Reise des Ler­nens, des Lebens bin, mit Worten mitzuteilen, was mich bewegt. Das ist schwierig. Zum einen dro­ht beim Schreiben ständig die Gefahr, missver­standen zu wer­den. Zum anderen beste­ht Kom­mu­nika­tion nicht nur aus Worten. Es gehört so viel mehr dazu. 

In meinem Schreiben schwingt immer der Wun­sch mit, dass auch der Faden mein­er Worte, die Fäden der damit verknüpften Gedanken, an irgen­dein­er anderen Stelle weit­er­ver­woben wer­den. Ich muss gar nicht wis­sen, wie und wo. Was nützt es mir zu wis­sen, was da ger­ade an einem anderen Platz auf der Welt mit meinen Impulsen geschieht? Sie dür­fen sich weit­er­en­twick­eln, vielle­icht müssen sie dies sog­ar. Vielle­icht ist das Weit­er­en­twick­eln durch andere der eigentliche Sinn und Zweck davon, Gedanken in Worten festzuhal­ten. Denn ich habe ja mit meinen Gedanken, Gefühlen und Beobach­tun­gen nur ein ganz kleines Puz­zlestück der Wahrheit in mein­er Hand. Wer weiss schon, wo genau dieses Puz­zlestück hinge­hört, an welch­er Stelle es hil­ft, ein Bild entste­hen zu lassen, etwas sicht­bar wer­den zu lassen, miteinan­der in Beziehung zu gehen. 

Mit dem Schreiben gebe ich meine Wahrnehmung der Wahrheit in die Welt. Wenn wir alle unsere Sichtweisen, unsere indi­vidu­ellen Wahrheit­en miteinan­der verknüpfen, entste­ht Weisheit. So stelle ich mir das auf jeden Fall vor. Weisheit ist etwas, was nicht alleine entste­ht. Keine einzelne Per­son kann, ohne in Res­o­nanz mit anderen Men­schen und auch der Natur zu sein, Weisheit kreieren. Weisheit ist ein Pro­dukt zwis­chen­men­schlich­er Res­o­nanz. Sie entste­ht im Aus­tausch miteinan­der. Vielle­icht ist es sog­ar so, dass Weisheit etwas ist, dass wir nur in Beziehung mit anderen aushan­deln kön­nen. 

Wie gesagt, beim Schreiben kann ich mich ver­lieren. Und doch ist es kein wirk­lich­es Ver­lieren. Ich biege ab, folge einem Nebenpfad. Ich erforsche einen neuen Weg, den ich noch nicht kenne und irgend­wann kehre ich wieder zurück auf den Hauptweg. Unter­wegs habe ich neue Sichtweisen, neuen Gedanken und neue Wel­ten ent­deckt.

So stelle ich mir gutes Ler­nen vor. So stelle ich mir das Entste­hen von Weisheit vor. Weisheit, welche in der aktuellen Zeit so wichtig ist, um die Welt acht­sam und ver­ant­wor­tungsvoll zu gestal­ten.

Ler­nen bedeutet für mich, immer wieder die Neben­wege, neue Wege zu erforschen, zu erfühlen, um dann doch immer wieder auf den Pfad zurück­zukom­men, welch­er zum Ziel führt, das ich mir irgend­wann ein­mal bewusst oder unbe­wusst für dieses Leben geset­zt habe. Ein Ziel, welch­es wir alle auf ganz unter­schiedliche Art und Weise anstreben: Ein gutes Leben zu führen. Nur was genau ist gutes Leben?

Viele Erwach­sene haben das Gefühl, dass das Ler­nen been­det ist, wenn sie ihren Abschluss in der Tasche haben. Viele begeben sich in einen Job und denken, nun sind sie fer­tig mit Ler­nen. Dabei sollte unser Ler­nen doch lebenslang andauern und nicht mit dem Ende irgen­dein­er Schule aufhören.

Im Leben geht es ums Erfahren und ums Ler­nen. Ich sel­ber habe ver­schiedene Aus­bil­dun­gen absolviert und diverse Hochschu­la­b­schlüsse erwor­ben. Ich habe Jobs angenom­men und war der Mei­n­ung: Jet­zt kann und weiss ich alles. Ich dachte, ich bin auf dem richti­gen Weg, weiss ich aber, dass dies Neben­wege waren, die mir ermöglicht­en, Wis­sen und Erfahrung zu sam­meln. Der eigentliche Unter­richt geschieht im All­t­ag, das eigentliche Ler­nen ist niemals zu Ende.

In den sozialen Medi­en sind Memes, eine Kom­bi­na­tion von Bild und Text, sehr ver­bre­it­et. Manche ver­wen­den Sprüche, die ich schon früher in Aus­bil­dun­gen gel­ernt und vor langer Zeit in Büch­ern gele­sen habe. Auf einen dieser Sprüche bin ich ger­ade heute wieder gestossen. Woher er genau kommt und was die Quelle ist, weiss ich nicht. Mich berührt er, wann immer er mir über den Weg läuft. Dieser Spruch lautet so:

Bedeu­ten­des spir­ituelles Wach­s­tum find­et nicht statt, wenn du am Medi­tieren oder auf dein­er Yoga­mat­te bist. Es find­et statt, wenn du dich in der Mitte eines Kon­flik­tes wiederfind­est. Es find­et in dem Moment statt, wo du wütend, ängstlich, trau­rig oder frus­tri­ert bist, in deine alten Muster fällst und das tust, was du schon immer getan hat. 
In dem Moment, in dem du real­isierst, dass du nicht genau so han­deln musst, wie du immer gehan­delt hast, in dem Moment in dem dir auf­fällt, dass du auch anders han­deln kannst, als du es bis jet­zt getan hast, in dem Moment tritt das Wach­s­tum ein.

Manche nen­nen diese Momente Erleuch­tung. Ich beschreibe es für mich so, dass ich in diesem Moment ein­fach von einem Nebenpfad wieder zurück auf meinen Weg komme und durch mein Ler­nen, meine ver­meintlichen Umwege, nun zusät­zliche Hand­lungsweisen gel­ernt habe und anwen­den kann.

Das Umfeld, in welch­es wir hineinge­boren wur­den, bes­timmt die Vorstel­lung vom guten Leben. Für sehr viele, und dies vergessen wir immer wieder, ist das Ziel ein­fach nur etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben, den Kindern eine Aus­bil­dung zu ermöglichen, sich­er zu sein. Andere treibt die Vorstel­lung vom Bewahren oder auch Erweit­ern des eige­nen Besitzes an. Und für manche ist es der Kampf für Kli­ma und Umwelt, für den es sich einzuset­zen lohnt. Jede und jed­er von uns hat ein kleines Puz­zlestück der grossen Wahrheit. Jede und jed­er von uns hat hierzu eine eigene Sichtweise.

Was wäre, wenn wir uns alle bewusst wären, dass nie­mand die Wahrheit alleine besitzt und wir uns auf die Suche und auf den Weg begeben müssen, um diese Wahrheit­en zu ein­er Weisheit zusam­men­zufü­gen?

Vielle­icht wür­den wir eine neue Form von Schule und Unter­richt erfind­en. Eine Form, in der wir unser täglich­es Leben als die Lek­tio­nen anse­hen kön­nen. Eine Form, in welch­er wir gle­ichzeit­ig Ler­nende und Lehrende sind.

Das ist zu kom­pliziert, das wird nicht funk­tion­ieren, sagen mir viele. Es ist vielle­icht kom­plex, aber nicht wirk­lich kom­pliziert. Die Her­aus­forderung liegt darin, dass wir bewusst unsere Zeit damit ver­brin­gen, das Leben zu erfahren und zu begreifen, das Leben zu erspüren und zu erfassen. Wir müssen uns dazu entschei­den, miteinan­der zu ler­nen und zu forschen.

Wie ein­gangs gesagt, beim Schreiben ver­liere ich mich manch­mal. 

Heute habe ich mich in meinen Gedanken zu einem Leben als Schule ver­loren. In dieser Schule gibt es Raum für Kun­st und gemein­sames Musizieren, es gibt Fäch­er zur All­t­ags­gestal­tung und gesun­den Lebens­führung. Es gibt all das, was wir ger­ade brauchen, um das im let­zten Blog­beitrag erwäh­nte «neue Nor­mal» zu gestal­ten und zu erfassen. Wie diese Fäch­er alle heis­sen? Keine Ahnung, denn ich kenne das neue Nor­mal noch nicht und weiss deshalb auch nicht, welche Fäch­er es wirk­lich dazu braucht. Jed­er und jede von uns kann ihr eigenes Wis­sen und die eige­nen Gedanken und Gefüh­le und auch sein Nichtwissen in diese Form des Ler­nens ein­brin­gen.

Im Fach «gesunde Wirtschaft» würde ich wohl mit den The­men­schw­er­punk­ten «Heil­same Beziehun­gen zum Geld» und «Suf­fizienz als Leben­skun­st» starten, ein­fach weil ich hier wahrschein­lich viel Wis­sen als Lehrerin ein­brin­gen kann, aber auch viel Nichtwissen als Schü­lerin habe. Eben­falls spielt mit, dass mich diese bei­den The­men ein­fach inter­essieren.

Mein Impuls ist, diesen doch etwas anderen Blog­post zu teilen und wer weiss, vielle­icht gibt es ja noch andere, die gemein­sam an dieser Schule, die Ele­mente der Begeg­nung, mit Ele­menten der virtuellen Unter­richtswelt verknüpfen soll, mitzuweben.

Im näch­sten Beitrag werde ich mich aus­führlich­er mit dem The­ma «Suf­fizienz als Leben­skun­st» beschäfti­gen und ich bin sel­ber ges­pan­nt, wohin mich dieses The­ma führen wird. Den Faden «Das Leben als Schule» lasse ich für den Moment los, und nehme ihn wieder auf, wenn er auf irgen­deinem Wege zu mir zurück­kommt.

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